REZENSION


EINE MUSTERUNG, DIE ZUR "MOBILMACHUNG" FÜHREN SOLL


Weil ich die Aufgabe der recensio gern ernst nehmen will, mustere ich die Bücher mit dem kritischen Geist meines mehrjährig gewachsenen Buch- und Leserverstandes und versuche, Anwendungs- und Empfehlungsnützliches aus meinem Leseeindruck für Andere heraus zu filtern. Zu diesen Anderen zählen Sie. Musterungen dieser Art sollen tatsächlicher mobiler machen. Im richtig verstandenen Sinne von geistiger Erfrischung und als kreative Kompassnadel zum Selbstauffinden des für den potenziellen Leser/ Hörer/ Zuschauer/ Besucher geeigneten Denk-, Kultur-, Spaß- oder Freizeitsschatzes. Immer als Empfehlung - versteht sich ... Bei Kritik ist Kritik als Handwerk im Spiel. Manches tut weh. Manches tut gut. Von nicht allen vertragen. Von einigen geschätzt. Beides ermutigt, furchtlos weiter komplette Bücher ein bis mehrmals zu „durchmustern“, um zu einem schlüssigen Schluss zu kommen. Vorabbesprechungen und Nachbesprechungen von Neuerscheinungen der schöngeistigen Literatur, Reiseliteratur, Fachliteratur, von Konzerten, Filmen oder Ausstellungen zählen zu meinem Portfolio. 


REZENSIONEN: AUSSTELLUNGEN / VERNISSAGES


CORNELIA SCHLEIME. "EIN WIMPERNSCHLAG". BERLINISCHE GALERIE. NOCH BIS 24.04.2017. www.berlinischegalerie.de

Nicht nur ein Wimpernschlag. Mehrere ...

“In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will.“ Cornelia Schleime.

 

 

Die Wimpernschläge, bewusst eingesetzte Signalsysteme einer Künstlerin, erreichen die Besucher in der Berlinischen Galerie. Eigentlich sollte es am Nachmittag ein Gespräch mit ihr geben. Krankheit verhinderte jedoch leider ihr Erscheinen. So übernahm Dr. Stefanie Heckmann, temperamentvoll und mit dem Ausstellungsanliegen bestens vertraut, mit uns eine kleine Führung in die „Welt der Wimpernschläge“ ...

 

Kommen die Besucher in die großzügig gehängte Ausstellung, in die lichten Säle der Galerie, fühlen sie sich von Cornelia Schleime (*1953) angeschaut, angefragt, einbezogen - und hingezogen ... Das Ganze ist in großen Teilen, eine sonst eher unübliche Verführungskunst, wahrhaftig eine per Wimpernschlag. Wo gibt es das noch, wo der Blickkontakt digital abgenutzt und eher matt ist? Wahrscheinlich existiert hier eine so faszinierende Ausstrahlung der Werke und damit Individualwirkung, weil sich hier eine nicht ganz übliche Ostwestbiografie beständig mit Person und Werk verknüpft. Spürbar, erlebbar und als mitlaufende Reflexionen. Was die Künstlerin garantiert nicht will, ist ganz gewiss: langweilen. Folglich sind visuelle Idee und Form, ob in Performance, Fotografie, in personaler Inszenierung, in Grafik, Aquarell, großformatige Acryl-Malerei ... durchdrungen von dem ICH einer profilierten Frau, die einfach nicht willens ist, irgendwelchen Kunstdurchschnitt zu bedienen und genau das macht, was sie persönlich für sich gerade am Angesagtesten hält. Wenig zeitgeistig ist das – erfreulich tiefsinnig, überraschend heiter und erkennbar ironisch, humorvoll und mit richtig gesetzten Pointen. Und diese nicht ohne bemerkte Nachwirkung der Kunstbetrachter im Raum: Im Zentrum ihrer interessiert geweiteten Pupillen ...

 

Cornelia Schleimes gegenwärtige Ausstellung, nach dem gerade eben (2016) verliehenen Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin für ihr Lebenswerk, beweist nachdrücklich, dass sie wohl zu den intensivsten und vielseitigsten Künstlerinnen unserer Zeit zählt - vom Beginn ihres künstlerischen Schaffens bis heute.

 

Interdisziplinär! Wäre es nicht bereits in den 80-er Jahren unter denkbar intriganten Eingriffen der kommunistischen Staatsmacht in der DDR so beispiellos geübt und ausgeführt worden, man würde heute ohne jede Abstrich für Cornelia Schleime den Schaffensbegriff „interdisziplinär“ anwenden. Unterschiedlichste künstlerische Praktiken fließen bei ihr geradezu harmonisierend kontrastierend zusammen. Sie kann einfach viel! Aktionsfotografie, allein schon oft ein Thema für sich. Sie beherrscht es! Sie reist und erforscht dann nachträglich ihre Reisespuren in Reisetagebüchern voller erleuchtender Texte und poetischer Bilder. Warum nicht? Sie kann es – und hat Freude daran! Körperaktionen, Performances würde man heute sagen, hat sie unter den Bedingungen eines künstlerisch dogmatisierten Systems in der DDR aktiv und gegen Widerstand erprobt. Applaus! Natürlich ist sie mit Fotografien und uns historisch-technisch-künstlerisch („outside of digitalism“) so interessierende „Super-8- Filmtechnik“. Und, gar nicht natürlich, sondern begabt, schreibt sie ihre Bücher, gleichzeitig versehen mit anregenden Illustrationen, wie die z. B. die Titel: „Weit fort“ (Gesellschaftsroman), „Wer aus mir trinkt“, „Das Paradies kann warten“ (Stories), „Das Lob der Torheit“ (Erasmus von Rotterdam, Illustrierte Prachtausgabe im gestalteten Schuber - Bilder von Cornelia Schleime), „Wüstenmoos“ – Reisetagebuch Marokko.

 

Dr. Stefanie Heckmann, Leiterin der Abteilung Bildende Kunst der Berlinischen Galerie, die auch die Ausstellung kuratierte, war an diesem Nachmittag im Januar eine wohltuende empathische und kundige Führerin durch die gedanken- und assoziationsreiche Kunstwelt der Cornelia Schleime.

Text  & Photography © León Wolfgang Schönau

 

Biografie der Künstlerin

1953 geboren in Ostberlin

1975–1980 Studium der Grafik und Malerei, HfBK Dresden

ab 1981 Ausstellungsverbot in der DDR

1984 Übersiedlung nach Westberlin, Verlust des bis dahin geschaffenen Œuvres

zahlreiche Projekt-, Arbeits- und Reisestipendien und Workshops

Preise u. a.: Gabriele-Münter-Preis (2003), Fred-Thieler-Preis (2004), Award of excellent painting, National Art Museum of China (2005), Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin (2016)



„Vom Schicksal gezeichnet ...“

Vernissage bei Blond&Blond, Berlin, am 11. August 2016, zur Ausstellung mit  Originalgrafiken von Bernd Pohlenz

 

Was ist „Cartoon“? Witzig, humorvoll, hintersinnig, scharf, angreifend, entlarvend ... Ganz gewiss. Eine Ausstellung zu Bernd Pohlenz, in der Berliner Galerie „Blond&Blond“ vereinigte über 20 Originale aller Formate der „Pohlenz-Kunst“, die den Cartoon als solchen adelt, jedoch den Strich der eleganten Grafik nicht zu häufig verlässt und damit in vielen Fällen klassische Illustration darstellt. Das macht die ausgestellten Karikaturen zu sehenswerten optischen und nicht zuletzt auch inhaltlich anregenden Impulsen. Die Originalblätter in der Galerieausstellung können dabei durchaus als selten gelten, wie auch Laudator Prof. Dr. Hans Joachim Neyer, ehemaliger Direktor des Wilhelm Busch Museums Hannover, zur Ausstellungseröffnung betonte. Was sind denn nun die Effekte für den Bild- und Sprachgenuss beim Pohlenzbetrachten? Da wäre zunächst die unverkennbare Ironie, nein , beileibe nicht des Beiläufigen, sondern eigentlich des immer philosophisch treffsicher Interpretierten, aus unserem oftmals so a-philosophischem Allltag. Die Zeit-Themen und Auffassungen der achtziger und neunziger Jahre werden uns nochmals vorgeführt. Die große Klasse der Pohlenz´schen Zeichnungen ergibt sich nicht nur aus der grafisch-eleganten Strichführung, sondern auch aus der ihrer facettenreichen Farbigkeit. Tusche, Marker, Aquarell, Airbrush bringen den speziellen Typ der damals noch keineswegs üblichen farbigen Karikatur und Illustration hervor. Stadtmagazine, wie das „TIP“, „Transatlantik“ oder „Wiener“ , boten die ersten Probestrecken an, danach punktete der Berliner „Tagesspiegel“ und das „Handelsblatt“ mit den kontinuierlich erscheinenden Farbcartoons Pohlenz´. Es gibt auch ansehnliche Buchveröffentlichungen des fleissig schaffenden Grafikers. Hervorhebenswert dabei: Männer unter Frauen. Argon, Berlin 1996, Ess-Kapaden. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, Körpersprache und 111 andere hübsche Cartoons. Diogenes, Zürich 1987. Die Originalblätter der Ausstellung widerspiegelten im Wesentlichen Werke aus dem Karikaturschaffen und der illustrativen Grafik. Kein Thema der Schau (und deshalb hier der Vollständigkeit halber kurz angefügt) ist seine doch bedeutenden Rolle als Mitbegründer und künstlerischer Leiter des weltgrößten Social Networks für die Cartoon-Kunst http://www.toonpool.com/, in dem über 2.500 Künstlerinnen und Künstler aus 130 Ländern ihre Arbeiten ausstellen.

León Wolfgang Schönau

 

EXHIBITION

FR, 12. August 2016 bis FR, 02. September 2016

 

TUE to FR: 14:00 - 19:00 h

SA 12:00 - 16:00 h

 

Galerie Blond & Blond Contemporary

Geschäftsführer: Renate Färber, Carla Clauberg, Andreas Kuhn

Gartenstr. 114 - 10115 Berlin

All photos are © by León W. Schoenau


Photo © by León W. Schoenau
Photo © by León W. Schoenau

05.04.2016. AUSSTELLUNG. INSTUTO CERVANTES BERLIN. RECYCLE-OBJEKTE MIT RITTERLICHEN ILLUSIONEN. Die Ausstellung im Instituto Cervantes Berlin „Unterwegs mit Don Quixote“ (Hommage an Miguel de Cervantes). / „De viaje con Don Quijote“ (Homenaje a Miguel de Cervantes). Ein Vernissageeindruck ... TEXT UND FOTOS VON LEÓN W. SCHOENAU

Als am 23. April 1616 in Madrid der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra verarmt verstarb und im weitläufigen Gelände des Klosters der Unbeschuhten Trinitarierinnen (im Madrider Literatenviertel „Huerta“) begraben wurde, machte sich die Welt wenig Gedanken um den, der nach einem arbeits- und entbehrungsreichen Leben dahingeschieden war (das war, übrigens, 10 Tage vor dem Tod von William Shakespeare). Heute gilt er als Spaniens Nationaldichter, und sein Todestag brachte die UNESCO 1995 zur Ausrufung genau dieses Tages als den „Welttag des Buches“. Cervantes´ Roman “Don Quijote“ (alte Schreibweise „Don Quixote“), ausführlicher und vorab bezeichnender „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ („Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“). Die Abenteuer des Ritters Don Quijote reflektierten die in der damaligen Zeit stark in Mode befindlichen Ritterromane. Und, obwohl es die vielfältigsten Interpretationen dieses Romans seit Jahrtausenden gibt, trifft der Kern einer Aussage auch heute noch zu: Es ist nämlich die Frage, was wir in unserem Leben, in unserer Umwelt als Wirklichkeit und was wir als Traum bezeichnen. Noch knapper: Es geht Cervantes um den Konflikt zwischen Ideal und Realität. „Nichts kann man vertrauen!“, so könnte der Ausruf aller paar Seiten beim Lesen dieses Romanes sein. Der Leser verharrt durchaus im schmerzlichen  Zweifel, ob er den Helden als versponnenen Idealisten oder aber als lächerlichen Narren einordnen soll. Cervantes selbst belässt es bei dieser Ambiguität. Dies vorausgesetzt, wird es möglicherweise besser einordenbar, was da zu Ehren des großen Spaniers an 18 Objekten im Ausstellungsraum des Instituto Cervantes Berlin sich mit Bezügen zu Parallelen zur Weltsicht eines Künstlers von heute zu den Imaginationen eines Cervantes von damals als Hommage zum Betrachten empfiehlt. Der ausstellende Hannoveraner Künstler Jürgen Schneyder (* 1938) steht schon seit Längerem Cervantes sehr nah. 

Schneyders erste Cervantes-Faszination: Schon 1965! (Skizzen für ein Don-Quixote-Denkmal). Zwischen 1989 und 200 entstehen auf diese Art eine Reihe von Metallplastiken mit der Darstellungsidee der überwiegend dreidimensionalen Collagen aus recycleten Werkstoffen, „Unterwegs mit Don Quixote“ genannt. Man kann beim Assoziieren durchaus an die Rittergestalt denken, an das Irrwitzige und Traurige, an das Lustige und Ernste ihrer Existenz zugleich. Man kann ... Die Objekte aus Messing und Glas sprechen aber auch selbst. Andere kleinteilige Messingfiguren sind, nur der Blick aus der Nähe zeigt es, feinst ziseliert und als quasigrafische Sentenzen sogar auf Papier montiert und ins Rahmengeviert eingeordnet. Die Direktorin des Instituto, Señora Cristina Conde de Beroldingen, nahm in ihrer Eröffnungsansprache äußerst fachkundig Bezug auf das, was später Jürgen Schneyder mit eigenen Worten nochmals zum Ausstellungsthema äußerte: “Bei der Entwicklung der Objekte bin ich nicht interessiert an einer gegenständllich- figurativen Darstellung des legendären Ritters. Es ist vielmehr die seinen Handlungen zugrundeliegende Motivation und Weltsicht, in der ich Parallelen zur eigenen künstlerischen Tätigkeit und Lebenspraxis finde: Don Quixote ist bekannt für seinen unermüdlicher Kampf gegen die finsteren Mächte der Welt. Während Sancho Pansa die Welt, wie sie ihm erscheint, naiv für sich wahrnimmt, erblickt Don Quixote in den Erscheinungen der Realität Wahrnehmungsmaterial, das er seinen Vorstellungen, d.h. seinen Wertvorstellungen gemäß deutet und seinem Verhalten zugrunde legt. Die Parallele zur Kunst ist unübersehbar! Don Quixote und den Künstler verbindet ein wesentliches Motiv: die Imagination oder Phantasie als Triebkraft zur Deutung und Gestaltung von Wirklichkeit. Es ist diese Macht der Imagination in Verbindung mit dem unerschütterlichen Glauben an eine humanere Welt, die ihn, trotz aller Niederlagen, immer wieder motiviert weiter zu machen.“ Erst ganz am Schluss taucht dann doch noch die Frage nach dem von J. Schneyder mehrfach erwähnten „Museo de La Mancha (MuMa)“ auf. Es schien auf den ersten Blick so, als wäre dieses Museum in La Mancha (passende Quijote-Gegend!) der exklusive Versammlungsort vieler weiterer seiner, dem armen Ritter von der traurigen Gestalt, gewidmeten Kunstwerke. Hier sind die Fantasien nun wirklich am Platze, um Künstler und Romanfigur in beste Übereinstimmung darzustellen: Ein solches Museum ist eine pure Erfindung, auch wenn es Schneyders Website (www.artschneyder.de) ziert. Ausstellung: gelungen! MuMa-Scherz: auch!

 

AUSSTELLUNGSINFORMATIONEN:

Ausstellungdauer vom 06.04.2016 bis 29.04.2016.

Öffnungszeiten:

Mo-Do 15-18 h, Fr 12-15 h

Beachten Sie bitte auch noch:

Am 23.04.2016, zum „Welttag des Buches“ im Instituto Cervantes Berlin, ist diese Ausstellung von 10:00 h bis 14:00 h geöffnet.

Der gesamte Text steht hier als PDF-Download für Sie zur Verfügung.

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05.04.2016. AUSSTELLUNG. INSTUTO CERVANTES BERLIN. RECYCLE-OBJEKTE MIT RITTERLICHEN ILLUSIONEN.
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REZENSION: BUCH "MEIN RÜGEN" VON CLAUDIA RUSCH (LESETEXT-PDF)


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Rezension Mein Ruegen Lesung Claudia Rusch 17032010

REZENSION: ZU BÜCHERN DER WIRTSCHAFTSKOMMUNIKATION


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