ESSAY


PROJEKTBEISPIEL 1 | ESSAY | DEUTSCHE WELLE


Beitrag "Rock Around The Clock" in der Serie "Soundtrack meiner Jugend"
Beitrag "Rock Around The Clock" in der Serie "Soundtrack meiner Jugend"

PROJEKTBEISPIEL 2 | FOTOESSAY | FREIE ARBEIT


Grüne Ungeheuer

Text und Fotos von León W. Schönau

Ich habe einen zerzausten Stadtrandwald um die Ecke und besitze einen Restposten an Fantasie, gepaart mit natürlicher Gänsehaut. Die derzeit noch vonstatten gehenden winterlichen Spätnachmittagsstunden in Blau ermöglichen ziemlich unheimliche Begegnungen. Lochness-ähnlich, aber beileibe nicht enttäuschend verlaufend ... Mit drei Augen (zwei eigene + das der Kamera) betrete ich das Halbdickicht und schrecke schon im gewohnten Eingangsbereich zurück: Mir streckt sich ein abgehauener Fangarm eines Grünbaummonsters entgegen. Seine poröse Oberfläche durch- ziehen grüne Moose, dünne Ärmchen, wohl abgestorbene früher mal feinnervige Tastfühler, ragen kläglich ins Dunstblau. Nichts bewegt sich an ihm. Er lauert wohl ... jedoch nicht auf mich. Dafür legt sich mir ein deutliches „H“ , wie „Halt!“ in den Weg und zwingt mich zum Stopp. Was soll´s ich will mich mit den grünen, scheinbar nur kurz erstarrten Dingern nicht anlegen, vielleicht, sie sogar noch aufwecken. Ich versuche den Sprung drüber. Er gelingt. Aber gleich drauf krachts mörderisch links neben mir – bilde ich mir´s ein? Der schon grüngetönte Blick irrt umher und erfasst ein geborstenes Untier an seinem entscheidenden Knick: Sollbruchstelle! Da, wo´s immer passiert. Noch ziehen sich Sehnen oder Reste von Adern durchs gesplitterte Fleisch. Aber viel Leben ist nicht mehr drin. Wieder haben Grünüberzug und modrige Feuchtmasse vom sterbenden Waldwesen Besitz ergriffen. Wollen auch mich damit besetzen? Ich wende mich angewidert ab. Überspringe den nahen grünen Molch, dessen Reptilende im Blätterboden vergraben ist und drauf wartet, nach mir zu schlagen ... Bemerke endlich, dass ich mittendrin bin, in einem Familiengrab grüner Ungeheuer. Nicht dicht beisammen, aber immer genau so spannungsreich angeordnet, wie sie sich wohl zu Lebzeiten zueinander verhalten haben. Jedoch: Kein Leben in ihnen! Wer hat ihnen den Garaus gemacht? Wind und Wetter, Kälte, Nässe, Eis, Schnee, Menschenhand? Bemoostes ewiges Dahinruhen im unschuldigen Stadtforst. Oder etwa zur Bürgererbauung? Ablenkung der Jogger, Fingerzeig für die letzten Philosophen unter uns: Bedenke das Ende? Die Luft schein sich mit Blau vollzusaugen. Nichts regt sich. Ich fange, an, die angeblich leblosen Grünlinge schon wieder ächzen und stöhnen zu hören. Mich packt der kalte Schauer. Ich muss hier raus!

TEXT: LEÓNWSCHOENAU

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PROJEKTE 21/13/ESSAY/


Ein Bett im Kornfeld?

 

Von León W. Schönau©

 

Geht der Juni ins Land und will mich gerade wieder verlassen, muss ich nach den Kornfeldern hinterm Haus schauen. Denn nur jetzt stehen sie so, grün bis gelb bis blau bis weiß da. Zwar immer noch klein, aber ziemlich kräftig. Vor allem saftig und ordentlich kamillenbesprenkelt. Derzeit, ich sehe es, ist aber das Kornblumenblau im Platzvorteil. Diese blauen Wolken, eingelegt in saftiges Grüngelb, steigen einem zu Kopf, schaut man zu lange genug in sie hinein, ohne den Kopf himmelwärts zu heben, wie sich das eigentlich bei einem Feldspaziergang gehört. Blaue Flächen sind sozusagen als Laken ausgebreitet. Bett im Kornfeld! Ich weiß es, seit es den Radioknopf in meinem Hörleben gibt. Dieser Ohrwurm! Drei mal gesummt, insbesondere vor passenden Feldern, und die Melodie lässt sich nicht mehr ausknipsen. Ein Kornwurm als Ohrwurm und die Fantasie entschwebt über dem rauschenden, leicht hin und her wiegendem Feld in die Lüfte des Nachmittags. Weit und breit keine aber andere Anspielung auf den Bettgenuss inklusive Träumen, Schlafen, mit- und oder ohne einander, egal ... Nicht mal eine blauweißgestreifte Maid durchschreitet das ergänzende Tirilieren der Lerche hoch überm werdenden Ehrengold. Rein gar ichts passiert. Nur der Ohrwurm  ist  noch drin im Gehlrgang und und bohrt und besteht, sich rhythmisch krümmend, auf das Zitieren des unkaputtbaren Schlagertextes und das hat Folgen ... Ich wende mich dem grünen Waldrand zu und bitte um Ruhe. Die Birken wiegen bedächtig ihre gründen Kleider und das Flattern ihrer Blätter trägt schließlich zum Eindämmen des Bettkornfeldzitierens in meinem Hirn bei. Auf einmal ist es ganz ruhig. Drinnen kopfwärts und draußen feldwärts. Die Sonne hat das Kornfeld entdeckt und versetzt die Ähren für einen kurzen Moment in plastisch bepinseltes Wiegen. Halmrauschen nenne ich das. Und rausche heim mit dem Anblick frisch aufgeschüttelter Kornfelder im Juni. Ich weiß aber: Das Bett, es wird wiederkommen. TEXT: LEÓNWSCHOENAU