K WIE "KOLUMNE"


LA COLUMNA | THE COLUMN


Was brachte der Tag? Was brachte die Nacht? WAS BRACHTE DIE WOCHE? Was schoss mir durchs Hirn? Was war mir wichtig? Was brachte die Woche? Oder was brauchte sie, das ich ihr wünschte? Hier findet man nun diverse gesammelte Antworten. Gedanken zu X-, Y- oder Z-Themen. Ausgewählt und leicht frisiert. Konsumentenfreundlich, aber auch hin und wieder schnelllesefeindlich ... Vorsicht: Wort!


BERLIN

Elder Danceman: Im Sommer gern ...

videoclip © 2014 by león w. schoenau

Es ist Sommer! Na endlich! Und in der herrlich sommerlichen und herrlich anonymen Großstadt gibt es etwas zu schauen. Ungeniert und begehrlich ist´s möglich. Überraschend nah und dicht, auch. Kreisbildung mit Zentrum, Lehrstück der Nabelschau oder des Zirkuslebens im richtigen Leben... Smartphones und Kameras raus, wenn was ordentlich los ist. Sehen und gesehen werden. Action and reaction. Also deshalb auch: Wer spielt mit in der Schau? Der Protagonist, hüpfend, springend, sich drehend und wendend: Ich. Sommer ist meine Bühne, natürlich nur spontan. Seht her ich bins - im Sommer bin ich so was von locker drauf, dass ich mich wieder in mich selbst verlieben könnte. Alter? Phh, spielt doch keine Rolle! Man ist so alt, wie man sich jung fühlt ... Genau hier in der Mitte Berlins weht es im Moment griechisch-italienisch-spanisch-portugieisisch-mazedonisch musikalisch herein. Sonne, Hitze, schattenloser Platz vermischen sich mit den fliegenden Assoziationen des Akteurs und der teilnehmenden Zuschauer. Eigentlich könnten sich schnell mal alle anfassen, um am Rhythmus zu lecken. Sorry, Smartyhandy, keine Hand frei ... Für 55 Sekunden sind wir alle in demselben Film mit allen Wunschbildern der Jugend und des Alters zusammen: Ich bin überrascht, was ich noch alles kann, wenn es Sommer ist. Die Boys mit ihren nackten Oberkörpern hauen am Schluss auf´s Blech, das es nur so kracht. Videoclip u. Text © by León W. Schönau

 

Do you like to lounge?

Auf die Skyline von Westberlin schauen und an PanAm denken ...

 

Kolumne von León W. Schönau

 

Was ist eine stinknormaler Warte- oder Aufenthaltsraum schon gegen eine Lounge? Wir spüren das Abgehobene des klangvollen Wortes und wissen aus der Englischstunde unserer guten weltzugewandten Bildungsstube, dass es eigentlich ums Faulenzen, to lounge, geht. Auf höherem Niveau freilich. Man entspannt dort, man erfährt Luxuröses, fühlt sich prominent, auch wenn man es nicht ist. Sind es dan "die anderen" Menschen, die man dort kennenlernt, die dezent gereichten Drinks oder die dezent angerichteten Speisen, ist es das fulminante Personal? Alles hängt mit Allem zusammen. Und schon ist es da, das V.I.P.- Gefühl, das man auf sich, auf andere oder alle bezieht, die gerade einer Lounge „loungen“. Es erzeugt ein Statusgefühl. Allerdings zugleich ein ganz klein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil Statusdenken wohl heute nicht mehr ganz up to date ist.

 

Ganz anders in den powerful Sixties. Für Flug- oder Eisenbahngesellschaften gehörte die Lounge zum wirkungsvollsten Startkapital bei den Markteroberungen. Erst danach flog oder fuhr man... Das Beste, Feinste, und Diskreteste was man einer exklusiven Higherclass-Kundschaft als Service bieten wollte: The lounge.

 

Und hier beginne ich gezielt an „unsere“ PanAm zu denken. „Unsere“ und warum? Weil ich gerade die Pan-Am-Lounge im alten Herzen des ehemaligen Westberlins betreten darf. Eine ganz normale Einladung, die allerdings an einem ziemlich unnormalen Ort führt. Eben die P-A-L. Da es sich um einen Marketing-Event handelt, vermischt sich mein denglisches Sprachkauderwelsch an diesem Abend zunächst bezeichnend: Come to launch, than come to lounge ... Ja , hier werden auch Geschäfte angebahnt, es wird möglicherweise etwas „auf den Markt eingeführt“ oder gerade gründet jemand eine Firma und lädt ein, oder, oder ... Und zwischendurch wird geloungt, gefaulenzt, sich in die bequemen Sessel gefläzt ... sich locker auf dem Barhocker gegeben. Alles dabei.

 

Die „Pan-Am-Lounge“ liegt im zehnten Stock des „Eden Hochhauses“. Alleine hier bereits: Der Name! Wir denken an Eden und wissen nicht genau, sollen wir an Rolf Eden, den Westberliner Playboy, oder an „Jenseits von Eden“ mit dem legendären James Dean oder einfacherweise nur ans Paradies denken. Nichts dergleichen. „Eden“ stammt von einen Luxushotel, das sich genau an dieser Stelle befand und im zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche fiel. Wünschen wir dem jetzigen Haus mehr Glück. Und uns hier oben im Zehnten sowieso ...

 

Zurück zu PanAm, der amerikanischen Fluglinie und West-Berlin, der damaligen Inseln im kommunistischen, roten Meer. Nur alliierte Fluglinien hatten das Recht, im freien Teil Berlins zu landen. Also auch (u.a.) die PanAm.

 

„Eden“, 1951 als Appartementhaus aus den Ruinen wieder auferstanden, war teil der Erfolgsgeschichte und damit auch auch Fluggeschichte Westberlins. Die Nähe zum Bahnhof Zoo und zum Ku´Damm machten es wohl auch. Und der Blick vom Eden-Dach mit Lounge auf die Gedächtniskirche brachte westliche Wehmut und leichtes Nachdenken. Piloten und Stewardessen der PanAm mag es auch bei ihren Zwischenaufenthalten, hier im Eden, vielleicht auch so ergangen sein. Wie gesagt, vom Dach des Penthouses, schon damals als Lounge ausgebaut, hatte man DEN Westberlin-Blick. Nach Ostberlin wollte sowieso keiner gucken. Entsprechend sind die Lounge-Dachterrassen, westlich offen und östlich verbaut (noch heute!) angelegt.

 

Die PanAm flog und flog. Mit ihr wechselnde Pulks ihres Personals, belebten diese das Edenhaus und die Lounge als angesagte Adresse. Die wiedergewonnenen Einheit Deutschlands brachte für die deutsche Pan-Am-Story das Aus.1990 übernahm die Deutsche Lufthansa für 150 Millionen Dollar die Flugrechte der PanAm für über 70 innerdeutsche Flüge vom alten Bundesgebiet nach Berlin. 1991 war für PanAm dann richtig Schluss. Sie war kein eigenständiges Unternehmen mehr und wurde von Delta Airlines übernommen.

 

Alles, was damals „Style“ in der PanAm-Lounge war, wird heute wieder als „stylish“ empfunden. The Sixties comes in! Nichts, fast nichts in Architektur und Dekoration ist seitdem angerührt worden. Die Pan-Am-Lounge hat ihren „Dornröschenschlaf“ bestens überstanden. Rund zweihundert Gäste können das testen. Besser gesagt "könnten" ... Denn in der Regel sind es die kleinen aber feinen Gruppen oder Clubs, die sich treffen. Aufgelegt wird in der diskreten Diskothek am Fenstereckchen auch. Frank Sinatra lässt gerade grüßen! Wem das schon zu viel ist, der zieht sich ins ebenfalls gut erhaltene Kaminzimmer zurück. Bei Feuerflackerschein wirft das Geweih sich nach Jägermeister Art hin und her...

 

Konferenzraum ebenfalls machbar. Langer Konferenztisch, zwanzig Stühle - aufsichtsratmäßig durchaus in Ordnung. Alles andere ringsherum: Sessel, Clubtische, Couches, eine Bar mit etlichen Prozenten in den Spiegelfächern. Die perfekt gekleideten und schönen weiblichen PanAm-Stewardessen dieses Abends versorgen unterdessen (schon wieder) diskret und charmant die Gäste. Darf es noch ein Drink sein?

 

Draußen geht inzwischen die Sonne unter. Der Sundowner wird gereicht. Man schwebt über die Terrassen. Der besagte Westberlinblick, natürlich ... Drin läuft der Small-Talk weiter, Gläser klingen, Gesprächsfetzen fliegen Richtung Mercedesstern, Europa-Center, schräg gegenüber. Standesgemäß auch wieder denglisch aus allen Ecken. Musikalisch ist jetzt Dean Martin dran. Eigentlich fehlt jetzt nur noch Sean Connery. Ich schaue zur Lifttür ...Er müsste gleich kommen. Mein Gott, Mitternacht, ich muss nach Hause ...

Text: León W. Schönau

 

Sehen Sie auch die Fotostrecke zum Text, hier ....


K 31


 

Fuerteventura

 

Diesseits von Afrika

 

Du blickst auf dieses Foto: Irgendwo durchzieht eine staubige, reichlich geschlaglöcherte Straße ein braungefärbtes Niemandsland mit leichten Hügelketten am Horizont. Wüste. Es flimmert. Diesseits oder jenseits von Afrika? Das Bild strahlt durchaus Wärme aus ... physische Wärme. Ansonsten fühle ich mich ganz schön einsam. Wäre da nicht dieses grafisches Hilfszeichen vor mir. Von Menschen, die sich Sorgen um deine Lenkradbeherrschung machen, denke ich mit Dank an die Zivilisation. Seitlich an die Kurve genagelt, um nicht vom Wege abzukommen. Ich könnte es ja geradeaus versuchen. Dann wäre ich schneller in Aguas Verdes. Zum Ende der kleinen Inselwelt.

 

Denn ich fahre über eine Insel. Fuerteventura. Durchaus mit "wüsten" Gedanken. Richtig, diesseits von Afrika. Und alles hier lässt „von nebenan“ grüßen: Der Wind als Passat (Nordwest), leicht kühlend, also nicht direkt der Sahara hundert Kilometer weiter westlich entsprungen. Der Sand, der den Sombrero leicht gelb bestaubt.

 

Die Wolken, cumuluskumuliert und schön. Sie ziehen schnell über die braungebeizte Landschaft hinweg. Manchmal scheint sich ein Hauch von Dunstgrün über die Hügel am Horizont zu legen. Sollte dort tatsächlich etwas bemerkenswert höheres Grünes, als diese vor mir liegenden spärlichen Grastupferbüschel wachsen? Vorhin habe ich bimmelnde cabritos gesehen. Ziegen + Zicklein – beständigste Inseltiere hier seit Urzeiten. Wüstenfest und steppenerprobt, zäh und hartnäckig im Grünsuchen ...

 

Aber die Aguas Verdes rufen mich nun energischer, wegzukommen von der schwarzweiß gestreiften Leitplanke. Die Grünen Wasser locken. Meeresrauschen, Frische, Staubbefreiung. Ich hoffe, das Wrack der Jucar liegt da noch, so wie ich es das letzte Mal vom Kiesstrand der wilden Westküste erblickte . Der Motor brummt. Das Handy vibriert nicht mehr. Empfangslos in dieser Gegend. Das könnte richtiger Urlaub werden ...

Text León W. Schönau


K 30


 

Polarisiert!

 

Früher hieß es öfter: „Polemisieren Sie nicht!“. Heute dagegen, jedenfalls in meiner Wahrnehmung: „Polarisieren Sie nicht!“. Beides schillernde Fremdworte, die gut als Schlagworte taugen, gestern wie heute. Sie schlagen ein, etwa Pflöcke in Diskussionen. Gegenwärtig ist das Pflöcke-Einschlagen besonders beliebter gesellschaftlicher Zündstoffsport. Vermitteln und Ausgleichen war gestern, heute geht es um´s Polarisieren.

 

Zum Beispiel Arm gegen Reich.  Oder die beliebteste Extremposition: kinderreich gegen kinderam oder kinderlos. Dazwischen gibt’s rein gar nichts – behaupten die, die immer alles behaupten. Differenziert diskutieren ist out, Draufdreschen ist drin. Es gibt auch polarisierende Häme, sie ist fast noch beliebter. In den gesellschaftlichen Suchprozess nach den besten, zwischen-menschen-möglichen Lösungen steigen die Polarisierer erst gar nicht mit ein. Wo kämen sie da auch hin? Zum Äquator etwa. Das klingt so mittig und erdumspannend. Pfui Teufel! Lieber bleiben sie auf ihren Polen hocken. „Pole position“, rufen sie dabei ... Englisch sprechen sie eh besser als ihre ungeliebte ungepolte Muttersprache.

 

Gebildet versus ungebildet ergibt weitere zwei Pole, in deren Polkategorien es sich trefflich extrem positionieren lässt. Auf Lösungen wird dabei gepfiffen. Hauptsache es kracht im gesellschaftlichen Gebälk.

 

Die Klüftebeschwörer und –verwalter sind unterwegs. Gefördert von Haudrauf und Ziehdrüber. Medial gestärkt von einschlägigen Sendern mit Polarisierungsformaten. Brutalst möglich moderiert von bildschirmbekannten und  bestens, auch öffentlich-rechtlich, bezahlten Polgrößen.  Sie wollen uns klar machen, dass wir  Normalos in Abgründen hausen, der überlebenstüchtigere Teil der Menschheit jedoch zu Polwächtern emporsteigt. Nur diese überschauen überhaupt noch etwas. Wir dagegen: Die reinsten Klufties!

 

Religionen, Generationen, Regierungssysteme, Geschlechter, ethnische Gruppen alle trennen Klüfte. Von den Polen wird Unüberbrückbarkeit gepredigt. Die Prediger kürzen ab, fallen ins Wort, werden hin und wieder übergriffig - und sonnen sich dabei im Geiste der allgemeinen Polarisierungsfreiheiten. 

 

Polarisierer tragen den Permanentkonflikt in sich, sie lieben die belebende Wirkung von multipolaren Spannungsfeldern. Wo die Blitze, die sie erzeugen, einschlagen, ist ihnen egal. Hauptsache die Entladung findet statt und jemenaden trifft der Blitz. Alles, bitte schön, aber nur nur als Vorstufe zur neuen Ladung zu verstehen: Plus, Blitz, Minus, Blitz ...

 

Im Bigbusiness  sprechen sie von Kampfzonen: Hier Verschleierung – da Transparenz, hier Wachstum – da Überschuldung. Konsum im Zeitalter der Polarisierung ist auch nicht mehr der Friede, die Freude und der freundlich dreinblickende Eierkuchen in der Geschenkpackung. Was den Luxuskonsum orgastisch befeuert, zerreißt den Hartz-4-gedrosselten Unternormverbrauch.

 

Leiter von Rockbands und Weltumsegelerexpeditionen müssen uns nun, auf diese Art pol-itisch Eingeschüchterten,  assoziativ und klosterschülermäßig wieder aufbauen damit wir den Wald vor lauter Polen wieder sehen lernen ...

 

Text@2014byLeón W. Schönau


K 29


 

Stimmprobe Tempelhofer Freiheit

 

185.328 Stimmen! Und sie sind gültig. Und es sind, na so was, 11.211 mehr Stimmen mehr als erforderlich. Hier hats gestimmt und der Senat ist verstimmt. Wahrscheinlich die weiter entfernte Nord- oder Südhälfte der tempelhoffernen Berliner Metropolenstimmkugel auch.Warten wir´s ab? Auf alle Fälle fühlen sich die (fast) alle als Sieger, zumindest im Recht. Zumindest, um (nur ein bisschen) beleidigt zu sein. Oder um Pläne hochzuhalten, die letztendlich nicht zu Fall gebracht werden könnten, weil sie absolut logisch sind. Und dann doch der Appell an den gesunden Bebauungsverstand der gesunden Bevölkerung außerhalb des Freifeldes... Sagen Sie bitte nicht „Berliner Biotop“ dazu! Denn 100% unangerührt wollen es auch nicht die 100% Feldfreiheitler auch nicht lassen. Aber ihnen liegt eins eindeutig am Herzen: 386 Hektar sind so einmalig für den individuellen variablen Nutzen von Mensch und Tier nach Lust und Laune, dass es eine einmalige Fehentscheidung wäre, hier die Bebauungsspekulanten ranzulassen, geben sie sich auch noch so sozial ... Klimaressource Berlins. Entschleunigungsoase des beschleunigtenVolkes. Meinetwegen auch Wiesenidylle mit Feldlerchenmacke ... Die Semantik des Abstimmungsvorgangs und die Struktur der Stadtdemokratie jedoch lässt jedoch noch einiges erwarten. Das Volk durfte zunächst nur „begehren“. Die Schwelle zum Stimmensieg war schaffbar. Nun erlaubt der großmütige Senat mit der Antiparole „100 % Stillstand“ (im Falle eines weiteren "Volkssieges"), dass das Volk „entscheiden“ dürfe. Wann? Wird bis „Mitte Februar“ entschieden, vom Angeordentenhaus. Ganz sicher ist nur eins: Ein Volksentscheid hat Gesetzeskraft. Oh, du weites THF-Wiesenmeer, dir steht noch einiges bevor ... Text: León W. Schönau

Fotostrecke? Hier geht´s weiter ...


K 30


Berlin im Sommer/ Sommerserie Berlin/ Hacke´sche Höfe und drumherum/ Text- Bild-Essay

Foto©León W. Schönau_CTD
Foto©León W. Schönau_CTD

Berlin im Sommer/1

Sommerliche Hofrunde

 

Es ist endlich mal Sommer und endlich Zeit, rund um die Höfe zu ziehen. Um die Hacke´schen Höfe. Zu allen Zeiten Treffpunkt erlebnishungriger Touristen sind die Höfe und Straßen und Plätze ringsum die Höfe von langsam bummelnden und fastfoodmampfenden Touristen und von schnelllaufenden, starr geradeaus blickenden Berlinbewohner bevölkert. Das große Rempeln bleibt aus, weil jeder den anderen sieht, falls er nicht „was“ sieht, das es nirgends auf der Welt so gibt. "Siehste wat?" „Sieh mal Riesenseifenblasen“, zum Beispiel. Kinderwunder gibt es immer wieder und das ist eins davon. Mit Stab und Leine eine Riesenblase zaubern. Wow! Betreuungserwachsene reißt das aber nicht aus dem touristischen Checken, sie können währenddessen beiläufig in die Ferne schauen und den TV-Turm kurz mal in der Höhe messen. Die Hacke´sche Kreuzung ist das eigentlich Hacke´sche Herzstück des den Höfen vorgelagerten Verkehrs. Ihn heil zu überwinden ist Kunst. Die geparkten Fahrräder für diese Kulisse auch. Spiegelblankgeschliffen glänzen auch die besonnten Gleise am Nachmittag. Die Tram ist gerade darüber hinweggepoltert. Wir bewegen uns hofwärts ... Für 50 % weniger ist heute der Berliner Fernsehturm im Angebot. Ach nein, nur das, was uns die Modepuppen am Eingang des Shops entgegenposen ... Die Höfe selbst (Hof 1, Hof 2, Hof 3 ... ) bieten gut umschlossene Räume, in Breite und Höhe, in denen es sich nach alter Kaufmannsart entspannt lustwandeln lässt. Wo setzen wir den heute unsere Gulden ein? Bis zum Geschäft, dass den Zuschlag nach dieser Frage erhält, glitzern uns die Fliesenfassaden an oder bieten Tordurchgänge kontrastreiche Licht- und Schattenspiele, denen wir gerne in den Folgehof folgen. Ganz selten ergreift irgendeinen der Hofgänger die Besinnlichkeit oder das kontemplative Bedürfnis. Aber unter grünen Schatten dann doch einen – und die ausreichende breite Bank dazu gibt’s auch. Was dem einen die Augen der Höfe sind, grünumflort und mir mehr oder weniger sonnentrunken zublinzelnd, sind dem anderen die Stufen, die hofauswärts aufwärts führen. Gib Acht auf „Aufgang 8", ruft es innerlich in mir. Die Treppe die aus dem Hof entführen ... könnte. Aber Hof bleibt Hof und ich halte ihm die Treue. Prompt werde ich belohnt, um am nächste Hausausgang die Kippenurne zu streifen. Schade, dass ich keine Kippe habe, so einladend sieht das Behältnis in Schnitt, Fallhöhe und Beschriftung aus. Mit „Kipp dich“, würde ich schnippend die Kippe dort entsorgen ... Das haben Höfe nun so mal an sich: Von ihnen geht es via Türen, Gänge, Schächte, Treppen ... in irgendetwas anderes, ebenfalls Räumliches, Helles oder Dunkles, Einladendes oder Abweisendes. Im Falle eines „Hofgartens“ ist die Verlockung überhaupt keine Frage. Mitten in der steinernen Hacke´schen Bebauung tut sich oasenartig ein grünummantelter nach oben offener Bewirtungsraum auf. Jetzt lasse ich mich auf dessen gepolsterte Sommerstühle, ausatmend und selig, fallen. Ich bin vor „Ich bin“ (yo soy) ! Das ist also jene spanische Tapas-und Copa-Institution, die zur Straße hin Hof hält. Und dann im Cinemascope – Format: Vorhang auf! Die aficionados der spanischen Lebensart in Berlin beginnen sich hier zu versammeln (zu früh ins Theater gegangen ...). Nachdem nun zunehmend mehr Spanier/innen in der Stadt ihr existenzielles Glück suchen trifft man sich hier wie in der iberischen Heimat: Umarmend, küssend, weit über die Zimmerlautstärke den Knopf aufgedreht ... Ja, was den akustischen Haushalt in Hofnähe betrifft, muss unbedingt noch auch die Bahnviadukte zu sprechen gekommen werden. Im Minutentakt scheppert´s, rauscht´s, pfeift´s und düst es über den Köpfen der Bummler entlang. Die geschwinde Bahn. Hier spürt man sie sogar am Luftzug unterm Beinkleid ... Der Hofbericht wäre keiner vom Hofe, würde nicht unter dem Aspekt „einen Steinwurf weit ...“ noch auf zwei hofnahe Dependancen wert gelegt werden, die das Internationale mit dem Höfischen   als Tourismusplus verbinden: Scholz & Friends, jene inzwischen internationale Marketing- und Werbeadresse, die mit ihrem Kreativoutput die ehemaligen Werbehotspots Frankfurt und Hamburg des Platzes verwiesen hat. Es gibt zwar keinen digitalen Litfass, jedoch steht die Ehrensäule des Plakatklebesäulenerfinders recht gut vor dem werblichen Braintrust. Und das Instituto Cervantes, jenes mit der spanischen Tilde „~“ im Schriftzug, in der gespiegelten Ansicht, dekoriert mit der spitzen Nadel des Fernsehturms. Carlos Saura ist auch gerade hier heute Abend. Der Tanguero in mir treibt mich ins Institut. ¡Viva las Hacke´sche Höfe!

Text: León Wolfgang Schönau

 

WEITERE FOTOS ZUM ESSAY UNTER BERLIN! BERLIN!


K 29


Berlin/ East-Side-Gallery/ Berliner Mauer/ Immobilienboom/ Wohnhochhausneubau an der Spree/ Abriss von Mauersegmenten der East-Side-Gallery/ Proteste

 

Neue Berliner Vergangeheitsbewältigung 2013

Luxusbauten bringen Mauer zum Abriss

Ansicht eines Mauerstücks der East-Side-Gallery_Foto: León W. Schönau
Ansicht eines Mauerstücks der East-Side-Gallery_Foto: León W. Schönau

Macht nix! Was weg muss, muss weg! Mit solchen praktischen Rederwendungen kann der gelernte Berliner schon lange umgehen. Kurzen Prozess machen, das ist hier im Berlin

der Gentrifizierung, Luxussanierung und in Zeiten des weiteren Auseinanderklaffens der berühmten Schere „Arm/Reich“ schon länger en vogue. Lange Prozesse gibt´s nur woanders (BER, Staatsoper, Museumsinsel ...).

 

„Living Levels“, ein Wohnturm mit 63 Metern Höhe, ist eigentliche Grund für den Durchbruch der Mauer. Als Fetisch wird das Filetstückchen umgeben mit ein paar öffentlichen Rechfertigungen: Eine Brücke über die Spree muss gebaut werden, ein Fluchtweg muss sein ... Und später müsse man wahrscheinlich noch ganz woanders ...

 

„Die Mauer muss weg“, ein Ruf aus den „Wir-sind-das-Vok“-Chören von 1989 wiederholt sich derzeit im sich bestens kapitalisierendem Umfeld des Immobilienbooms der (andererseits) schwer gebeutelten Stadt des Sozialtransfers. Nun, ganz muss sie nicht weg, die Mauer ... (Leider?). Aber allein schon das Herausbrechen von einzelnen Teilen (insgesamt 3 Segmente, 23 Meter, alle als Kunstwerke Bestandteil der insgesamt über 1300 m langen East-Side-Gallery) ist ein Akt der bürokratisch abgesicherten Provokation. Selbst wenn diese "heraus genommmenen"  Teile an „anderer Stelle“ wieder aufgestellt werden sollen.

 

Und wieder kommt die Stunde der Erinnerer, die für die Renditejäger mit den Dollarzeichen in den Augen anrücken müssen, um klarzustellen: Damals war´s ... als im Frühjahr 1990 von 118 Künstlern aus 21 Ländern eine große zusammenhängende Strecke der Hinterlandmauer in der Mühlenstraße zwischen dem Berliner Ostbahnhof und der Overbaumbrücke entlang der Spree künstlerisch gestalteten. Ein Akt der eben gerade wieder errungenen künstlerischen Freiheit kurz nach dem Fiasko der SED-gesteuerten Mauerapologeten.

 

Aber Bau-Herren geben heute den Ton an, auch wenn sich historisch anerkannte Substanz „bewegen“ soll. Schon einmal schufen die sich die Immobilienkings „Freiheit“, damals beim Bau der O2-World, wo bereits 50 Meter Mauer „versetzt“ wurden. „Mauerversetzen“ – eine neues Spielchen im kapitalistischen Sandkasten der Stadtpolitik?

 

Einige Künstler, deren Werke direkt mit den Mauerstücken verbunden sind, etliche Clubmanager der Umgebung und ein schnell gegründetes Bündnis gegen den klammheimlichen Eingriff machen inzwischen mobil. Kani Alavi, Vorsitzender der Künstlergruppe East-Side-Gallery, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Wir sehen darin eine Zerstörung des Kunstwerkes, da kann man sie auch gleich ganz abreißen.“ Clubbetreiber Sascha Disselkamp meint „Hier waren Selbstschussanlagen, an diesem Ort sind Menschen gestorben. Hier jetzt Luxuswohnungen hinzubauen ist so, als würde man auf der Museumsinsel eine Tankstelle errichten.“ (Zitate in: Tagessspiegel v. 27.02.13).

 

Jetzt heißt es für alle, die die Zerstückelung des Mauerkunstwerks verhindern wollen, aufpassen und vor Ort bleiben. Denn getrickst wird sowohl mit Zeiten des geplanten Teile-Abriss als auch mit den Möglichkeiten, doch noch zu verhindern, was offensichtlich nicht mehr zu verhindern ist. Die Mauer muss weg? Wer hätte gedacht, dass sich die ehemals politische Sprengkraft dieser Losung heute nochmals auf ganz andere Art und Weise zeigt ... Rumms! Geschichte adé!

 

©2013León W. Schönau


K 28


 

Worte 2013 (1) : Un-Worte

 

Ein Unwort kommt. Das neue Jahr ist noch einigermaßen empfänglich für Schimpf und Schande und Blicke in die Abgründe der Gesellschaft. Auch Polemik, verbunden mit dem Un-Sinn betritt (noch) jungfräuliches Jahrespflaster. Die meisten Menschen hören (noch) zu. Da landet es schon mitten unter uns. Es stammt eigentlich vom Misthaufen der Geschichte 2012, aber egal, es will nachgewiesen werden, was in deutschen Sprachköpfen so los ist und wem man aufs Maul schaut und wer betroffen und nochmal davon gekommen ist.

 

Die Sprachjury der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden (http://www.gfds.de/) stellte es nun hinein in die Kälte des Januars 2013: „Opfer-Abo“. Es hatte sich eigentlich gar nicht so breit gemacht bei den Massen und in den Medien im vergangenen Jahr. Aber es wurde gewählt. Die Jury sucht ja immer nach gesellschaftlich unangemessenen, sprachverschleieerndenn, manipulativen oder vielleicht auch tendenziösen Worten. Und sie fand Jörg Kachelmann, der in der endlos währenden Opfer-Täter- Ping-Pong- Story seines Lebens vor allem bei sich und bei den Lesern der Yellow-Press angekommen war. Treffend, wie ich finde.

 

Kachelmanns Worte zum Ausgangspunkt zu nehmen dessen, was als am Wort als „un-„ zu bewerten wäre, wird nicht von allen Seiten als fair empfunden. Der Schweizer Wettermoderator hatte nach seinem Prozess in 2011 im Jahre 2012 in Zusammenhang mit den gegen ihn während des Prozesses erhobenen Vergewaltigungsvorwürfen behauptet, das Frauen ein „Opfer-Abo“ hätten (s.a. Spiegel, Interview, Heft 41/2012, S., 138 ff.). Erinnert sei noch kurz daran, dass Kachelmann im Gerichtsprozess im Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde. Aus seiner Sicht also, wäre zu meinen, dass Frauen immer die Rolle des Opfers zugesprochen wird. Egal was auch passiert. Anders gesagt, man brauche gar nicht mehr die Wahrheit zu suchen. Und: besonders auf ihn gemünzt, in seiner Rolle als Opfer in dem Prozess, würden dadurch wohl Männer (kein "Abo") grundsätzlich unter den Generalverdacht gestellt, wenn es um Fälle sexueller Gewalt ginge. Soweit ist dann seine persönliche Lebenserfahrung „aus dieser Geschichte“ flugs als Pauschalurteil in der Gesellschaft gelandet. Und rief zum Zeitpunkt des Ausspruchs keinerlei Meinungsexplosionen, Gegendarstellungen oder Medienpolemiken etc. hervor. Das deutsche Leben ging seinen geruhsamen Gang ...

 

Im Pro und Kontra nach der Unwortwahl allerdings zeigen sich nun die Reaktionen jetzt erst recht. Die Jury begründete ihrerseits zunächst richtig, dass Frauen „pauschal und in inakzeptabler Weise“ mit diesem Wort unter Verdacht geraten, ohne jedwede Prüfung (sie haben ja ein "Abo") als Opfer in Fällen sexueller Gewalt dazustehen (also auch: sexueller Gewalt ggf. zu erfinden und damit selbst als Täterinnen zu gelten). Eine anderer Satz der Jurybegründung muss hier zur Betonung noch hinzu gefügt werden: „ ... Es ist problematisch, dass ein so Prominenter diesen Begriff gewählt hat “ (Prof Dr. Nina Janich, Sprecherin der Jury) und weiter: „Das Wort verstößt damit nicht zuletzt auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer.“

 

Dass Worte zu Taten  oder zu Waffen in gesellschaftlich zugespitzten Situtaionen werden können, ist längst bewiesen. Gewalt in der Gesellschaft gehört dazu. Und dass vor allem umgangssprachlich mit Schlagworten heftig verbal manipuliert und verschleiert wird, ist trotz oder gerade wegen der zunehmenden gesellschaftlichen Sprachunempfindlichkeit allemal den Aufschrei „Unwort!“ wert.

 

Text@2013 León W. Schönau

 


K 27


Berlin/ Check-Point-Charly/ Asisi-Panorama / Die Mauer

 

Das Neue (1) : Die Mauer ist zurück!

 

Es wurde ja auch Zeit! Nein, nicht was Sie denken. Hier ist die seit Jahren unrühmliche und unglaubliche historische Flachheit in der Darstellung der jüngsten Ereignisse des Kalten Krieges in der bis Ende 1989 geteilten Stadt Berlin gemeint. Brennpunkt Check-Point-Charly, die immer am Glühen gehaltene so typische Nahtstelle der verfeindeten Weltsysteme. Heute: Improvisierter Budenzauber, nachgemachte Devotionalien der untergegangenen DDR, Klamauk in Uniformen alliierter Soldaten, fahnenschwenkend und euroeinsammelnd ...

 

Inzwischen ist der Senat aufgewacht und hat offensichtlich dieses und jene Machtwort gesprochen - im Grundstückskrieg des Geländes am Check-Point sowie im Kompetenzgerangel der „Chefdeuter“ in den einschlägigen Museen. Im Ergebnis gibt es derzeit auf einmal „einen Ruck“ in der ernsthaft-politischen und angemessen-metropolenwirksamen Präsentation der die Stadt so geprägten (und immer noch prägenden) Teilung in zwei Hälften. Eine Open-Air-Tex-Bild-Ausstellung und eine sogenannte Black-Box informieren zu den wichtigsten Themen des fast 45-jährigen Kalten Krieges in der Stadt.

 

Und dann noch, bereits seit dem 23. September 2012 – die Mauer zum Anfassen! Um den offensichtlich auch dringend bedürftigen emotionalen Schub und eine fühlbarerer Anschaulichkeit ins brisante Thema zu bringen ­– hat der berühmte Künstler Yadegar Asisi zum Thema „Mauer“ dort einen höchst beeindruckenden Beitrag platziert. Es „entrollt“ sich ein überraschend plastisches Bild einer Mauerabwicklung aus den achtziger Jahre in einem der inzwischen als sein gestalterisches Markenkennzeichen neuer volksnaher Bildpräsentation geltenden Panorama (Panometer). Es steht am Check-Point. Wie ein kleines Gasometer, das der Geschichtsversorgung der Stadt Energie liefern soll.

 

Wie war es damals? Purer Geschichtsunterricht auf dem 60 Meter langen Panorama, das als äußerst realistisch-plastische Bildvision in dem 18 Meter hohen Rundturm am Checkpoint vor den Augen des Besuchers abrollt. Ein fiktiver kalter Spätherbsttag ist inszeniert, die Luft ist grau, leicht neblig. Schneereste scheinen den Todesstreifen aufzuhellen, der uns gegenüber liegt. Wir befinden uns auf der „sicheren“ Seite, nahe dem Kreuzberger Oranienplatz, und blicken über die Mauer hinüber. Wir stehen, nachempfunden, auf einer der vielen West-Berliner Aussichtsplattformen. Das Übliche der 80-er Jahre: Kalter Krieg im Visier, keinesfalls „light“, aber eben raffiniert grausam unsichtbar sichtbar. Hier, im Westen die „mauerbrechenden“ Graffitis auf dem DDR-Beton unter den Asbestrohren, die die Mauer „krönen“. Ein paar Sprayer sind gerade am Werk. Kreuzberger Abend, als Vorstufe zu "Kreuzberger Nächte" – gut erfasst. Der Osten scheint inzwischen fahl herüber. Der Westen setzt sein ebenfalls helles Peitschenlampenlicht dagegen: Nur die Kneipen schummrig schön. Schmuddliger auch, aber irgendwie bunter

hier. Kinder spielen noch ein bißchen Fange, unbekümmert im Mauerschatten. Asisi hat hier seine eigenen Erlebnisse transformiert. Authentischer geht’s nicht. Selbst die Tür in der Mauer, gut geeignet für ein geschichtsbekanntes plötzliches Kidnapping der DDR-Grenzer auf Westgebiet, sie könnte sich jederzeit öffnen ... einen besseren Geschichtsunterricht zum Thema kann man sich nicht vorstellen.

 Text©León W. Schönau


K 26

Das Neue (2): Piep!

Vergleichen, zählen, ankreuzen, melden ...  Auf den NABU-Seiten wird man fündig (Source: NABU-Website, Screen CTD)
Vergleichen, zählen, ankreuzen, melden ... Auf den NABU-Seiten wird man fündig (Source: NABU-Website, Screen CTD)

 

Ja gerne ... ja, bei mir piept´s! Vom 4. Bis zum 6. Januar dürfen das alle zu mir sagen: Bei dir piept´s wohl. Vorausgesetzt ist allerdings der Respekt vor der Natur. Nicht vor meiner, sondern derer, die um uns herum piept und fliegt. NABU, die große und rührige Naturschutzorganisation Deutschlands hat u.a. mich auch gebeten, das gefiederte Wintervölkchen rings um Balkon und Regenrinne, Gartenhaus und Laubhaufen bitte mit zu zählen. Sie spricht vom „flächendeckenden Überblick zur Entwicklung der Vogelwelt“. Ein wahrhaft großflächiges Ziel. Wann kann man schon einmal seine kleine Balkonfläche mit der deutschlandweiten Vogelnatur in Beziehung setzen?

 

Nun werde ich pausenlos zählen und melden – auch online geht´s. Solange es hell bleibt. Bitte mich also auch online in den nächsten Tagen nicht stören. Danke!

 

Und wen werde ich alles erblicken und NICHT erkennen? Keine Angst, sagt der NABU, in dem er auf das vergangene Zähljahr verweist. Da siegte massenhaft der Haussperling, gefolgt von Kohlmeise und Blaumeise. Schluss! Oder doch nicht? „Allerweltsvögel“ sagen die kundigen NABU-isten zur eben genannten kurzen Hitparade. Aber damit ist es noch nicht zu Ende mit Zählen: Ebenfalls 2012 hat man durch das verdienstvolle Durchzählen aller freiwilligen ehrenamtlichen Vogelmelder in Deutschland rund 140 Arten ermittelt. Toll!

 

Und bloß die fliegenden Vogeltouristen nicht vergessen! Zum Beispiel Bergfinken, Schneeammern, Seidenschwänze oder Rotdrosseln ...

 

Ein wichtige Beobachtungsmethode noch am Schluss: Nicht nur alles, was sitzt und pickt und piept auf dem Balkon, im Garten, Park oder auf dem Friedhof sei zu benennen und zu zählen, sondern natürlich alles was „drüberfliegt“. Also scharfe Augen auf. Fernglas und  Vogelbestimmungsbuch raus. Oder zur Not permanent online sein und auf der NABU-Website den direkten vogelkundlichen Bildvergleich pflegen. Wehe wer lügt. Der fliegt!

 

Text©León W. Schönau

 


K 25

Medien/Kommunikation/Medienprodukte/ Innovation/TV-Observation/Manipulation

 

Observation

 

Vater Orwell sei (wieder mal) gegrüßt! Die Menschheit lässt es nicht: Sich gegenseitig auszuspionieren, zu beobachten, zu manipulieren. Und natürlich alles zum Besten des kleinen Mannes und überhaupt der Entwicklung der Transparenz des Guten sowieso ... und andere höhere gesellschaftlich akzeptable Manipulationsweihen. Täglicher Profitmaximierungswahnsinn also. Soweit – so normal. Wenn da nicht das unablässige Kalkül wäre. Worum aber geht es eigentlich?

 

Der Mobilfunkanbieter Verizon (Wireless, Residential, Business), Arlington, USA, kommuniziert gerade frank und frei, dass er mit Hilfe eines sensiblen „Systems“ erstmals Gefühle beim Fernsehen messen kann, die dann der hochinteressierten Werbewirtschaft übermittelt werden. Natürlich muss der TV-User vorab dem Transpondergeschäft zustimmen. Ob er angesichts der Belästigung seines Privatissimums mit dem gefühlsrecherchierenden Supersystem von Verizon bare Münze sieht, verschweigt der Pressetext (Quelle: pressetext.com), bestätigt jedoch, dass die Werbeindustrie dank des detektivischen Stimmungsmessung bisher noch nicht abzapfbare Gefühlsinformationen erhält, worauf sie umgehend mit „individueller Werbung“ reagieren kann.

 

Von „Kameras, Mikrofonen und Wärmesensoren“ ist in der näheren Beschreibung des in TV-Geräte implantierbaren Horch-und-Guck-Systems die Rede.

„Natürlich“ werden persönliche Profile anlegbar, „natürlich“ geht es dabei erstmalig um die „schwachen Momente“. Glücklichsein wird erfasst? Der bereite Fernsehkonsument wird daraufhin mit einem glücklich machenden Produkt beworben. Auf den Moment kommt es nämlich an. Das gabs bisher noch nicht im manipulativen Werkzeugkasten. Bei Depressionen oder Traurigkeit katapultiert sich das (noch nicht auf dem Markt befindliche) System gleich mal selbst ins Aus. Weiterdenken erlaubt! Und macht deutlich, dass menschliche Intelligenz zu allem mißbrauchbar ist. Vorausgesetzt die Firma hat keine Ente in die Welt gesetzt, um endlich mal 100 % gefühlte Aufmerksamkeit für sich zu bekommen. Ansonsten würde ich sie für den Big Brother Preis vorschlagen ...

 

Text©León W. Schönau


K 24

IT-Techniktrends/ BITKOM/ Trendkongress/ Vernetzung/ Datenaustausch in Echtzeit

 

Obsession!

 

Wir sind versessen! Nein nicht aufeinander, also bitte keine Liebesgeschichten hier ... Wir sind einfach und ziemlich kompliziert digital obsessiv. Beispiele: In der S-Bahn. Die Leute sind abwesend und starren auf ihr Smartphone-Displays. Citygewühl: Zusammenstöße auf laufenden Körper! Tschuldigung! Gerade hat mich wieder ein Smartphoner gerempelt, weil er die nächste E-Mail auf seinem Display nicht abwarten konnte, Kopf gesenkt, rumms. Frauen lassen beim Scrollen ihre schicken Bree-Handtasche fallen. Einem rutscht der Rollkoffergriff beim smarten Hingucken aufs vibrierende Ding aus der Smartphonehand. Die junge Mutter hält das Smarty fester als ihren zweineinhaljährirgen Sohn und der schreit und tobt sich weg in den Straßenverkehr ...

 

Digital obsessiv sein beglückt nicht nur, sondern fordert auch Opfer. Neulich, auf dem Trendkongress der Bitkom, des IT-Branchenverbandes sagt es der US-Marktforscher Stephen Prentice, Vice President Gartner Research & Gartner Fellow (USA) so: „Wir haben eine Liebesbeziehung zu den Geräten, eine Obsession.“

 

Während sich die „Smart-People“ ihrer primären Hingabe weiterhin wohl nicht erwehren können, arbeiten im Hintergrund die IT-Denker am „Next Big Thing“. Auf dem o.g. Bitkom-Kongress wurde darüber wissenschaftlich  schon mal einiges ausgeplaudert. Die Perspektiven sind, wie immer bei IT, rosig, bedenkt man die freiwerdenden Augenkontakte, die neuerdings geballte Aufmerksamkeit bei Aug-und Aug-Gesprächen, allgemeine Senkung der geistigen Abwesenheitsquote sowie die dann garantiert rempelfreien Shopping-Zonen ...

 

Das „Thing“ nämlich soll unsere heutigen

Zwang zum Maustraktieren, Tastaturtippen oder „wipe with a finger“ ad acta legen. Es gehe zukünftig in erster Linie um technische Ökosysteme als um isolierte Lösungen für einzelne IT-Geräte, so sagte man´s auf dem Kongress zum Thema IT-Trends. IOS, Android und jetzt, gerade frisch auf dem Markt, Windows 8 fußen alle auf der Idee softwarebasierter Vernetzung verschiedener Geräte und einem Datentransfer in Echtzeit.

 

„Sprich mit mir!“, sagen jetzt bereits schon für Teilfunktionen einige unserer Kommunikationskistchen zu uns, auch mit Gesten können wir wohl demnächst mit unserem trendigen Gegenüber kommunizieren. Und genau hier liegt das künftige „Next Big Thing“: In Sprache und Gesten werden wir demnächst  unsere „digitalen Knechte“ dirigieren und machen sie uns damit wieder einen Schritt ähnlicher auf dem Wege zur unauflösbar scheinenden Partnerschaft mensch-Computer.

 

Text©Leon.W.Schönau


K 23

Der Monat November/ Essay 

Leben im Nebel

 

Ich sage da nichts Neues: Leben ist Nebel. Es wird einem selten so klar, wie im November. In einem Monat, in dem überwiegend gestorben wird, steckt man, so man noch lebt, überwiegend im Nebel.

 

Da Nebel die Eigenschaft hat, erst in höheren Gefilden wirksam zu werden, bleiben die Füße von ihm verschont. Nur deshalb kann ich November wohl überhaupt noch laufen.Erreicht er in meteorologisch ungünstigen Wetterlagen bereits den Kopf, ist es geschehen. Die ansonsten fortlaufende Energieabeit, sich auf Außen zu konzentrieren, Mitglied der nach Transparenz geilen Mittelklassegesellschaft zu bleiben und sonstige sich anbiedernden Durchsichtigkeiten entfallen.

 

Energie kann folglich umgelenkt und nach innen gerichtet werden. Was ist da eigentlich mit mir los? Die internen Befindlichkeiten erfahren Energiezuwendungen und können, je nach beruflicher oder privater Ausgelaugtheit entweder intensive Heilung oder nur schwachstromigen Trost erhalten. Es müsste mir eigentlich im November besser gehen. Energiemäßig gesehen.

 

Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Tastorgane sind inzwischen rudimentär geworden. Der Gesichtssinn gibt den Orientierungspart nicht wieder her. Ich verirre mich. Die Stromzufuhr in die inneren Organe macht mich fast unfähig, mit der restlichen, gerade noch so erkennbaren Außenwelt zu kommunizieren. I

 

So bin ich notgedrungen  im November nur auf Kindheitsgeschichten orientiert: Junge, es war doch früher so oft so dunkel und trübe und du hast dabei immer noch gelacht ... Da haben wir es: Die Einbildung ist futsch. Futscher geht gar nichts im November als die Einbildung. Denn hinter dem Kindheits-optimismus stand das Christkind, das ja bald schon kommt und alles besser machen wird. Das ist es: Ich sehe im Nebel das Christkind nicht mehr und das inzwischen gebeuteltere Lebensalter macht die Sache mit der Einbildung leider nicht einfacher.

Lösung: Augen schließen, Christkind imaginieren und warten – bis der Nebel vorbei ist. Auch dann, wenn mir vielleicht danach etwas fehlt ...

Text©2012byleonwschoenau


K 22

Berlin/Allerheiligen/Mexíco en Berlín: Día de los Muertos/ Botschaft von Mexiko in Berlin/ Totenaltar „Ofrenda“

 

Día de de los Muertos in Berlin: Friedrich der II. kommt ...

 

Ein mexikanische Altar mit Opfergaben (ofrendas) und eine Lobpreisung des Flöte spielenden Preußenkönigs mit einer Statuette ganz oben drauf: Der Día de los Muertos in der Mexikanischen Botschaft in Berlin könnte origineller nicht sein ... Ausgangspunkt der ungewöhnlichen Verlockung nach mexikanischer Art, der Tote möge aus seinem Reich zu uns, den Lebenden, den Weg gut finden: Montezuma. Eine opera sería mit der Musik von Carl Heinrich Graun und dem Libretto des Königs, seiner Majestät

höchst selbst – 1755 uraufgeführt. Die tragische Oper um den Atztekenkaiser Montezuma, heute in Italienisch gesungen, beschreibt die durch den spanischen Eroberer Mexikos, Hernan Cortes, angewandte List, Montezuma zu täuschen, gefangen zu nehmen, was schließlich zu seinem Tode führt. Das könnte nun durchaus noch einige andere Toten bewegen, nach dem Glauben der Mexikaner, auch den Gang vom Friedhof zum Opferaltar anzutreten. Was wäre wenn... würden sich Montezuma und Friedrich II hier begegnen?

 

Aber erst einmal eröffnet am Freitag, dem der Botschafter, S.E. Francisco N. González Díaz, den Abend und führt die zahlreich erschienen Gäste zielgerichtet zum bereits oben benannten originelle Thema des diesjährigen Altars in der Botschaft. 

 

Eigentlich vollzieht sich Ankunft der Toten nach mexikanischem Brauch in der Nacht vom 1. zum 2. November. Es sind die verstorbenen Erwachsenen. Schon vorher, vom 31. Oktober zum 1. November, kann die Ankunft der angelitos, der Engelchen, erwartet werden. Das sind die Kinder, die viel zu früh von der Welt Abschied nehmen mussten. Ihnen gilt auch immer ein Extraaltar (ofrenda), der jedoch, genau wie für die großen, mit Kerzen, den orangenen Cempasúchil-Blumen, Weihrauch, einem Glas Wasser, Salz, Totenköpfen aus Zucker oder Marzipan gestaltet wird (dazu in jedem Fall die Lieblingsspeisen und Lieblingspielzeuge der Kleinen).

 

Geht man im Monat Oktober dann weiter zurück, stellt man fest, dass sehr aufmerksam auch mit anderen Verstorbenen umgegangen wird, um ihnen einen Besuch in der Welt des Lebens zu ermöglichen: In der Nacht vom 30. zum 31. Oktober wird der Seelen jener gedacht, die ohne Angehörige sind. In der Nacht zuvor wiederum denjenigen, die ohne Taufe oder den letzten Segen verstarben. Und noch eine Nacht davor wird auch denjenigen Gedenken gewidmet, die bei Unfällen umkamen, sich selbst das Leben nahmen oder gar ermordet wurden. Ihnen allen gilt das Licht einer Kerze – die ganze Nacht hindurch.

 

Bauweise und Gestaltung des Altars sind seit Jahrhunderten vorgezeichnet, variieren zwar von Region zu Region Mexikos, sind jedoch weitgehend mit den gleichen symbolischen Gestaltungen versehen: Papeles picados, feine, farbige unterschiedliche Scherenschnitt-Bilder, Cempasúchiles amarillos, gelbe Tagetes, Ringelblumen oder Chrysanthemenblüten, in Vasen, oder als Blüten gestreut. Dabei ist die Farbe gelb entscheidend, weil nur diese, so der Glauben, von den Toten erkannt werden könne. Diese Blüten säumen auch den Weg vom Grab der Toten auf dem Friedhof in ihr ehemaliges Zuhause in Dörfern oder kleinen Städten. Cempasúchil-Blüten sollen auch die Lieblingsblüten der atztekischen Göttin Xochiquetzal (Schöne Blume) sein, sie wachte bei den Atzteken über die Gräber und über die ganze Erde. Natürlich sind die Kerzen nicht zu vergessen, bei denen auch noch die Farbgebungen des Wachses eine Rolle spielt (rot= Schmerz, weiß= Hoffnung, Violett= die Feier schlechthin). Speisen – sie wurden schon bei den Kinderaltären erwähnt – natürlich auch bei den Erwachsenen-ofrendas: Neben dem Lieblingsessen (im Falle Friedrich des II. – profan–profan – Bratwurst mit Kartoffeln, ein Gläschen friderizianischen Weines – offenbar von einem unbekannten Weinberg bei SansSouci – fallweise ein aktuelles Rex-Bier aus Potsdam!!!). Dazu in fast immer das pan de los muertos (Totenbrot), die calaveras de dulce (Totenköpfe, vornehmlich aus Zucker), die tamales (Maispastete), mole (Soße aus Schokolade) und Salz (symbolisch für Reinigung). Bei Männern dürfen ganz gewiss nicht fehlen: Tequila, Mezcal (nahuati mezcali - mexikanischer Schnaps) und ggf. Zigarren. Und um wen geht es? Das zeigt immer eine Zeichnung oder ein Foto vom Verstorbenen. Das Ganze umgibt (bei aufwändig gestalteten Altären) noch ein Duft von copal (eine Sorte von Baumharz) der von einem Räucherwerk aufsteigt.

 

Das besondere Verhältnis von Leben und Tod in Mexiko wird meiner Meinung nach von dem mexikanischen Schriftseller Octavio Paz (der zugleich auch Diplomat war!) am besten beschrieben: „Der Mexikaner sucht, streichelt, foppt, feiert den Tod, schläft mit ihm. Vielleicht quält ihn ebenso die Angst vor ihm wie die anderen, aber er versteckt sich nicht vor ihm, noch verheimlicht er ihn, sondern sieht im mit Geduld, Verachtung oder Ironie frei ins Gesicht.“ (Aus: El laberinto de la soledad / Das Labyrinth der Einsamkeit, 1950/1970). Leben und Tod als Kreislauf sehen und begreifen? Davon sind wir in unserer säkularen Gegenwartshektik in Deutschland inzwischen weit entfernt. Die Mexikaner scheinen es zu können. Man muss wohl atztekische Wurzeln haben, um auf eine frohe diesseitige Weise das Sterben lediglich als Übergang in eine andere, bessere Welt, leben zu können. Allerdings hat die wunderbare Vermischung prähispanischen Aberglaubens mit den von den spanischen conquistadores in Mexiko eingeführten Christentums wohl dazu geführt, das atztekische Götter und der Gott der Katholiken eine harmonische Fortsetzung der lebenserleichternden Anschauung ermöglicht haben ...

 

Text©2012León W. Schönau

 

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K 21


Marketing/ Manipluation/ Konsum/ Gesellschaft/ Kaufappelle/ Glosse

Mastäw!

Screenshot: CTD
Screenshot: CTD


Hat Sie der Ruf auch schon ereilt? Ach, was heißt „der Ruf!“, der Schrei!, das Kreisch!,

das Nonplusultra für Ihre Selbstbestätigung! Wenn die Verkaufsstrategen für Kleider, Schuhe, Autos, Mak-up, Flachbildschirme und vor allem Tablets und Smartphones nichts mehr einfällt, fällt ihnen „Mastäw!“ ein – in einfachem Deutsch geschrieben: „Must have!“.

 

Alle verstehen es, vor allem alle die, die in und “ober-in“ sind, die „wissen, was läuft“, „was angesagt, was up to date ist“, auch diejenigen, die den Zeitgeist ständig ein- und ausatmen, die permanent „gut auf gestellt“ sind und ein paar wenige Weitere aus der Region 50+, die immer so nett meinen zu wissen, „wie der Hase läuft“. Für diese Kernzielgruppe haben die Marketers den omnipotenten Bestimmungssatz „Must have!“ erfunden, mit einem bis 10 Ausrufezeichen, je nach beabsichtiger Interjektion. Denn die besondere Hilflosigkeit dieser Gruppe trotz allem geschwörten Selbstbewusstseins besteht darin, nicht zu wissen, was man substanziell haben muss, um in Beruf und Gesellschaft die von seinem Coach angediente Rolle glamourös und wettbewerbsgeil auszuführen.

 

Kein Problem, wozu gibt es schließlich das Mastäw-Marketing? Vor allem hilft es. Und vor allem ist es so was von identitätsfördernd, das eigene, gerade erworbene Mastäw-Proudakt anderen in schillerndsten Farben darzustellen, einschließlich der bewusstseinserweiternden Folgen für den Häwer (bei Frauen, beim Chef, bei der Karriere, im Bett ...)

 

Jetzt tritt endlich der Mustäw-Effekt ein – ein Schneeballeffekt der marksättigenden Art.

Aus einem Mustäwer werden nach geworfenen Mustauchäw-Schnellball viele andere Möchtegerne, große und kleine Häwer. Sie reihen sich ein in die individuelle Marketingarmada der Vorteilspreiser und Prodaktlobesspender. Von überall her schallt es nun „schau mal“, sieh mal“ , oh wie geil“, „ich hab es auch“ ... Den Nichtmastäwer aber trifft der Häwtsunami wie ein Schlag. Je nach Grad des Selbstbewussteins versucht er er im wildbewegten Ozean der Häwer an der Oberfläche zu bleiben. Es ist ein harter Kampf. Droht er dabei unterzugehen, kann er aber gewiss sein, dass ihm nichts passieren wird. Zur rechten Zeit kommt einer geschwommen und schiebt ihm einen Rettungsring übers kalte Wasser zu: „Must have!“.

 

(Text©2012byleonwschoenau)


K 19

posted on 23rd of October 2012

Berlin/ Festival of Lights/report

 

Berliner Licht-Spiele

 

Ich will nicht sagen, dass der Berliner besonders spielerisch veranlagt ist. Eher geht es doch verbissen zu, auch b ei Spielen, besonders mit dem Fuß und dem Ball. Geht es aber darum, die Stadt ins rechte licht zu rücken, und das besonders nachts zu tun, wenn eigentlich alle Katzen grau sind, dann ist der Berliner eine wahre Leuchte.

 

Und so gab es, Berliner Kompliment Nr. 1, „nichts zu meckern“ an dem erneuten „Festival of Lights“, das vom 10. bis 21. Oktober 2012 die Herzen der Berliner und der Tausenden von Touristen aus aller Welt erhellte. 12 strahlende Nächte mochten vergessen machen, dass uns der Erdenlauf zielgerichtet gerade in die große Dunkelheitsphase des Jahres treibt. 12 depressionsfreie Abende jetzt schon– das ist doch was! Oder, dass die Berliner Stromzähler besoffen vor Glück waren in diesen hellen Nächten und vor allem unser liebenswürdiger Stromversorger, dessen Horrormeldungen zum Strompreisanstieg nach Ende der Dunkelheitsphase 1, Anfang 2013, uns gerade rasend machten. Vergessen!

 

Alles flanierte, „nicht ohne mein

Fotosmartphone“, durch die spätsommerlich noch wohltemperierten Straßen und staute sich an den Wochenenden auf den Plätzen,

die das Licht bedeuten. Allgemeines Ah und Oh, war verbreitet, sprachlich international durchaus vereinigend. Und was gab es nicht alles zu bewundern an Einfällen, wie die legendären Berlinbauwerke mit Lichtfarbe und kleinen Animationen völlig neu im Dunklen dastanden. Sogar die Pferdeführwerke und Fahrradrischkas hatten ihren strahlenden LED-Schmuck angelegt und bahnten sich magisch leuchtend den Weg durch die verzauberte Menge.

Text und Fotos ©2012byleonwschoenau

 

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K 18


Berlin/ Berliner Stadtrand/ Indian Summer/ Berliner Spätsommer im Herbst/ Laubfärbung/ Fotos/ Bildgeschichte

 

Mehr Farbe ins Leben! Mein Indian Summer in Berlin (1)

Nun ist es wieder soweit und – ich hab´s nicht erwartet- überraschend tritt in das für mich ziemlich bedrohliche Sommerende wieder Farbe ein, die mich vergessen macht, dass nach dem Herbst der Winter folgt.

 

Ich folge nicht nur den Spielen der Blätter auf den Metropolenstraßen. Nein, mich zieht´s an den Stadtrand, wo mich Natur noch wie einen Freund empfängt und meine Pupillen, auch der Farbe wegen, weiter als sonst öffnet.

 

Ja, es ist ungewöhnlich trocken und noch wärmer als sonst im Oktober erinnert. Ja, es gibt strahlend blauen (kanarischen?) Himmel der die Farbkontraste der gelborangerotdunkelroten Gemäldezitate in den Bäumen an Wiese und Hang besonders aufleuchten lässt. Ja, es ist deshalb mein Indian Summer – und, nein, in die Neuenglandstaaten Kanadas muss ich zur Zeit nicht unbedingt reisen um mich via Blattwerk satt zu sehen ...

 

Das Sattsehen beginnt schon bei der Krume. Der Bauer hat den Acker zeitgemäß und herbstlich gut auf- und vorbereitet. So wenig wie ich, weiß er, wie der Winter sein wird, aber dass er sein wird. Die Furchen sind gut gezogen. Die vielen Blätter die sich aus den geballten Baumfarbwolken mit Windes Hilfe frei gemacht haben, dekorieren sie bereits. . Aber auch hier: Nichts hat Bestand. Wenige Minuten später nach dem Fotoklick sieht´s schon wieder anders aus. Aber immer: Gut angeordnet. Ja, das kann nur Natur!

 

Und der Bauer Unbekannt hat noch mehr für meinen Berlin-Indian Summer getan: Er hat die perspektivische Linien vorbereitet, die jetzt den Blick magisch in die Ferne ziehen, aber die farbig differenzierte Begleitmusik deshalb besonders begleitend wirken lassen.

 

Fern von hinten winkt die weiße Großstadt Berlin. Wieder sei der Satz empfohlen: Berlin ist ein Dorf. Die Indianer würden ihre helle Freude haben, könnten sie nur mal hier an der Stadtkante ihren exportierten Summer-Sommer erleben.

 

Wer komponiert nun eigentlich das alles? Besonders die herausragenden Farbmusikstücke des Dreiklangs Rot, Grün, Gelb. Als Kind erzählte mir mein Großvater von einer lustigen, mit Riesenleitern ausgestatteten Nachtgestalt, die singend und pfeifend, wenn ich schlief, pinselschwingend durch die Wälder strich und die Farbtupfer setzte ...

 

Aber im Ernst: Wer will jetzt die vertiefte wissenschaftliche Erklärung hören, dass sich eben, vor unseren Augen, einer der perfektesten „Wiederverwertungsprozesse“ abspielt, von der die Menschheit, immer leicht lernunfähig, vergesslich und übermütig, sowieso noch lernen könne?

 

So lassen wir Chlorophyll, Photosynthese und Biochemie schön bei Wikipedia ruhen und genießen, naiv staunend, wie schön es am Busen der Natur auch im importierten Berliner Indian Summer ist.

 

(Text: ©2012 León W. Schönau)

 


K 17

Berlin/ Art Week Berlin 11.-16.09.2012/ Preview im Hangar Berlin-Tempelhof

 

6 Tage Kunstexplosion!

 

Berlin hat mal viel Kunstkompetenz verloren. Wann war das doch gleich? Man erinnert sich gar nicht mehr so richtig an den Exodus des damaligen Art Forums, da in der Ideenschlacht, Aufholjagd und geschickter Messekreation die jüngere Vergangenheit sowieso als „gegessen“ gilt. Berlin hat sie in der Gegenwart wieder alle: Die Galerien, die dabei sind, die Künstler, die mitziehen, ein kunstkauforientiertes Publikum (zwar mehr aus fern, denn als nah – noch). Berlin hat wieder Kunstkompetenz bekommen!

 

Das vergangene Berliner Kunstherbstwochende „ArtWeekBerlin“ hatte alles an Bord, was solcherart Mammutprojekt zukunftssicher aussehen lässt: Messe-und Galerieverbände (abc-art berlin contemporary, preview berlin art fair), 400 Galerien, renommierte Institutionen der Kunstszene (Berlinische Galerie, Akademie der Künste, C/O Berlin, Haus der Kulturen der Welt, KW Institute for Contemporary Art, Nationalgalerie, Verein der Freunde der Nationalgalerie, n.b.k. und NGBK. Das Land Berlin setzt die Signale auf den Berlin als nach wie vor prägenden europäischen Kunststandort.

 

Wer unermüdlich und prominent genug war, ließ sich in diesen vier Tagen mittels VIP-Shuttle in schwarzglänzenden VW-Sponsorenautos durch die geballte Kunstdichte kutschieren. Wer es nicht war, gelangte zeitbedingt konzentriert nur an seine Wunschausstellungen. Die meine war die Preview im Hangar 2 des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Alles gut gefüllt: Der Hangar als nunmehr große Kunsthalle, die Kojen der Aussteller, die Gläser im zentrierten Kunstausschank in der Mitte der Halle. Die „Preview “, ehemals Satellit des (siehe oben) bereits zu Grabe getragenen Art Forums gibt es ja schon seit acht Jahren. Immerhin. So kommt diese Messe in diesem Jahr gestandener, gereifter und seriöser ins Rennen um die Gunst der Kunstkundschaft. Definiert wird sie inzwischen als Angebotsplatz auch der „etablierten Mitte“ der Galerien, sowohl national als auch international.

 

Natürlich sehen wir „Jarmuschek und Partner“ (und erinnern uns an den Gründergeist vor acht Jahren), interessante „Neuzugänge, wie Kleindienst, Leipzig. Man hat sich etabliert und ist nun bei „Preview“ dabei – das gilt auch für die Galerie Kuhn & Partner, die mit den Künstlern Birigt Borggrebe Christoph Damm, Milena Tsochkova und Andrea Wallgreen vertreten ist. „Mit „Kunst ist schön/schrecklich/ nervt/ tut wohl“ tritt die Eagle-Gallery aus Berlin ins Previewrampenlicht und kommentiert z.B. mit Werken des kubanischen Künstlers Felipe Alarcrón Echenique ihren Slogan. Erfreulich auch, dass Kunstschulen vertreten sind, von Tanker UdK bis zur Offenbacher Hochschule, von den Weißenseern bis zu Muthesius Kunsthochschule Kiel.

 

Einige ausländischen Galeriekolleginnen und –kollegen, vornehmlich aus Paris, den Niederlanden und der Türkei, kennt man inzwischen schon. Es ist gut, dass sich Messe europäisch mixt und tut der zeitgenössischen Übersicht außerordentlich gut. Die rumänische Galerie Nasui fiel in diesem Zusammenhang vor allem wegen ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem merkantilen Zeitgeist auf. Die erstmalig teilnehmende mexikanische Galerie Terreno Baldio Arte zeigte eine viel bewundertes Tryptichon von Javier Martín.

 

Auf Sammler warten. Das tun hier alle. Die Lage ist zwar nicht hoffnungslos. Aber auch diese und jene Beherzten (Plural!), die Kunst mit Liebe, Verstand (und Geld) kaufen, sind einfach noch zu rar. Natürlich gibt´s Erfolgsmeldungen, die nicht weiter in die Tiefenprüfung gelangen . Aber auch der bescheidenst klingende Nebensatz während der ersten Messetage selbst, dass “alles viel besser als gedacht“ läuft, sollte zur Gegenwarts- und Zukunftswährung der „Preview“ jetzt schon etwas beigetragen haben. (Text und Fotos©2012byleonwschoenau)



K 16


Frida und Diego: Große Kunst, große Liebe, großer Hass, große Schuld? - Eine Fotoausstellung begibt sich in visuelle Interpretationen ...

 

Design: Embajada de México, Berlin
Design: Embajada de México, Berlin

Das Licht an diesem Vernissage-Abend in der mexikanischen Botschaft ist geheimnisvoll gedimmt. Und so erscheinen die sparsam aber bewusst ausgewählten 35 Schwarzweißfotos an den Wänden um so mehr als hinsehenswerte Szenen einer „Komplizenschaft "(complicidades), zu denen sich der gut informierte Besucher seine bei ihm abgespeicherte Frida-und-Diego-Geschichte hinzu denken kann. (Frida Kahlo 1907-1954, Diego Rivera 1886-1957).

 

Vieles, was von den beiden offenbar nimmermehr verblassenden künstlerischen Lichtgestalten Mexikos als prägend geblieben ist, neben großartigen, anrührenden aufrüttelnde und ungewöhnlichen Werken, vereinigt sich in einem Bild von Martyrium und Hassliebe der besonderen Art. Schicksalhaft erscheint uns das Leben Frida Kahlo´s als eines, dass, beginnend mit mit einem Verkehrsunfall und sich fortsetzend in verschiedenen Krankheiten und diversen Operationen, als tragische Abfolge körperlicher und seelischer Leiden darstellt. In diesem Feld fast permanenter Schmerzzustände haben sich ihre außerordentliche Liebe zu Diego und zu ihrem Land in ihren magischen Bildern Raum geschaffen.

 

Mit 17 trat Diego in ihr Leben, mit 22 heiratete sie ihn. In den Folgejahren rieben sich zwei exzentrische, äußerst willensstarke und expressive Künstlercharaktere aneinander, häufig bis kurz vor dem bitteren Ende der „Szenen einer Ehe“. Die kurz hintereinander folgenden Trennungen und Wiedervereinigungen, exemplarisch mit ihrer Scheidung von Diego 1939 und der erneuten Heirat der Beiden im Dezember 1940 in San Francisco), bringen die Kontraste zwischen gegenseitiger Hingebung und Abstoßung wohl kaum deutlicher zum Ausdruck. Wenn es einen Mythos der neueren mexikanischen Kunst gibt, dann sind diese beiden Künstlerpersönlich-keiten, wohl wichtigster Teil davon.

 

All das liegt in einigen, schwebt über weiteren der ausgestellten Fotos. Sowohl erscehint in Bildern das Mexiko in den bewegten Lebensjahren der beiden Künstlern als Szenen von  Straßen und Plätzen als auch in konzentrierten Blicken der verschiedenen namenlosen oder prominenten Fotografen auf das Paar. Unter den Prominenten sind auf alle Fälle Tina Modotti und Fondo Casasola zu nennen. Ihnen gelangen außerordentlich anrührende Momente der Erfassung von geistigen und seelischen Augenblicken vor dem Hintergrund der biografischen Stürme. Modotti´s „Mutter und Sohn“ (1929) ist eines davon. Casasola macht mit zwei Schlüsselbildern auf die Lebensgeschichten aufmerksam: “Trotzki und Diego Rivera“ (1937) und „Hexe“ (1935). Von der ebenfalls mit Frida Kahlo langjährig verbundene amerikanische Fotoporträtistin Lucien Block wurde leider nur ein Werk aus ihrem vielfältigen Schaffen ausgewählt, aber natürlich ein wichtiges: „Frieda Kahlo zwinkert mit dem Auge“ (1934).

 

Klarheit und Strenge einer sich ihrer klassischen Schönheit stets bewussten Frau, treten in vielen Fotos zutage. Insofern ist auch der Zugriff auf Fotografien ohne ausgewiesene Autoren legitim und bringt das Thema zum Klingen. Leider fehlte offensichtlich die Zeit, um jedem Bild die üblichen Herkunfts- und Titelinformationen zuzuordnen. Aber die Ausstellung läuft ja noch bis 12. Oktober ...

Anschrift: Klingelhöferstr. 3,  10785 Berlín. Geöffnet Montag bis Freitag 09:00 bis 13:00 h. Weitere Informationen unter http://embamex.sre.gob.mx/alemania/index.php/enlaces-de-interes

(Text+Fotos ©2012 by León W. Schönau)

 

 

 

 


K 15

8. August 2012/ Facebook/ Datenkrake oder Befriedigung unseres Lieblingsnarzismus?/ Facebook polarisiert/ Facebook: befriedigend, wie Sex?/ Facebook-Abstinenz: psychopathisch?

Facebook- Es lebe unsere Hassliebe oder unser Liebeshass!

 

Es gibt keine Ruhe um Facebook. Mark Zuckerberg hat den datenverschlingenden, und uns verschlingenden, trennenden und vereinigenden Weltkonzern als Existenz- und Philosophiemonster so richtig für unsere Psyche der inneren Zerrissenheit platziert. Ein Gottesgeschenk, das die menschliche Natur wieder mal offenbart?

 

An Facebook scheiden sich die Welten und die Einstellungen zu sich und zur Gesell-schaft. Hirnforscher sagen uns Facebookgeilen den Grund für unsere maßlose Extrovertiertheit im www: Selbst das unbedeutendste, aber uns meinende, an uns adressierte Posting kann in den gleichen Hirnregionen das wohlige Gefühl einer Befriedigung oder Bestätigung auslösen, wie Sex oder gutes Essen. Es lässt sich nur noch steigern, wenn wir selbst etwas über uns erzählen, oder besser gesagt, „preisgeben“. Alles was sich um uns, um unser eigenes Leben dreht und gepostet wird, erhöht uns, potenziert uns: Selbstoffenbarungen, Belobigungen wie Belohnungen. Und diese Belohnungen, so die Wissenschaftler der Harvard-Universität, stehen auf dem gleichen Rang wie realer Sex. Warum also Sex , wenn es Facebook gibt?

 

Ein Gegenpol an Aufregern um Facebook platziert sich derzeit gerade neu im psychopathologischen Bereich. Eine ignorante These macht dabei die Runde: Facebook-Verweigerer sind Psychopathen. Besonders nach dem aktuellen Amoklauf von Aurora/Colorado nimmt die publizistisch verbreitete Meinung zu, dass Facebook-Abstinenzler, wie der dortige Täter James Holmes, abnormal sind. Verklemmung, Tarnung, Scheu vor der Öffentlichkeit, Introvertiertheit ... werden als Gründe genannt. Und die waghalsige These ist spielend schnell zur Hand: Wer nicht in Facebook ist, ist verdächtig. Ein nicht vorhandenes Facebookprofil führe geradling zu den Annahme, sich von der Gesellschaft zurück zu ziehen, ein Untergrundleben zu führen. Aus welchen Gründen auch immer, aber immer mit den Folgen, die Gesellschaft irgendwie etwas zu verheimlichen, sie zu hassen. In diesem schwachsinnigen Fahrwasser wird gegenwärtig heftig orakelt, und jeder, der sich aus guten Antidatenkrakengründen dem weltumspannenden Face-Vermarkter entzieht, gerät unter Generalverdacht. Das ist die Stufe, die bereits deutlich über das allgemeine

Angepasstsein und „in“ zu sein hinaus geht. Damit sticht das Sexargument auf einmal bedeutend stärker, oder nicht?

 

Am authentischsten aber ist doch wohl immer noch der gesunde Menschenverstand, der in den Zeiten des permanenten Verbindungshypes sich mit seinee eigenen (gesunden) Psyche den in Facebook laufenden Banalitäten entzieht, sich um sich selbst oder andere kümmert oder sich konkret mit Freunden oder Freundinnen trifft und die eigenen Entscheidungen pflegt. "Enttrivialisierung des Lebens", könnte man das auch nennen. Und der Sex findet unter diesen angenehmen realen Umständen auch wieder im Bett oder im Kornfeld stattfinden ...

Text©2012 León W. Schönau


K14

1. August 2012/ Berlin-Mitte/ Fotoausstellung Larry Clark/ Farbbeutelwürde gegen das Ausstellungsposter/ Berlin ist sexy?/ Gesellschaftliche Doppelmoral: Thema des Fotografen Clark

BERLIN

Berliner Fotosommer: Erotik, Monsunregen, Farbbeutelwürfe ...

Im Sommer wird ja so gern von Sommer- löchern geredet und den Erfindungen, diese zu vertreiben. Natürlich gilt das auch für die größte alle deutschen Hauptstädte, Berlin. Hier haben wir allerdings derzeit noch, passend zum gerade herrschenden indischen Monsunwetter und den ständig nassen Flipflops wegen überschwemmter Fußwege wunderbare Fotoausstellungen, die so recht zu Wetter, Körperbefreiung und ein paar schwülen Gedanken beitragen.

 

Das Visual zum Entreé ins altehrwürdige frühere Postfuhramt, in dem die renommierte Fotogalerie C|O ihre immer erstklassigen Schauen präsentiert, stellt in diesen Tagen die ganz normale sexuelle Provokation in einer Metropole dar, die für die Einwohner derselben Tagesschau-Qualität hat: „Ach so ...“. Dass sich hinter der gut fotografierten weiblichen Scham der berühmte New Yorker Fotograf und Fimregisseur Larry Clark versteckt, ist für die wenigsten unter den Gleichmütigen einerseits , aufgeschreckten Gaffern oder wüsten Beschimpfern und Farbbeutelwerfen anderseits erkennbar. Es ist, was es ist: Etwas Nacktes, anziehend Geschlechtliches, in Größe und Platzierung Provozierendes.

 

So bleibt es nicht beim berühmten Larry-Clark-Foto sondern es wird in der Folge (beabsichtigter?) Interaktionsempörung mit Farbe gen fotografierte Vulva geworfen. „Pfui!“, heißen die roten Farbspritzer auf dem Larry-Clark-Klassiker überm Eingang zum C|O und „unverschämt!“ und vielleicht auch „sexistisch!" und "Schweinerei!“. Berlin ist wohl doch nicht so sexy und sexoffen, wie es die Imageplaner der Stadt gerne hätten?

 

Der moralisierende Berliner? Nun, ja, meckern kann er ja rund um die Uhr. Aber den Farbbeutel auf eine hochplatzierte Scham zu werfen erfordert doch schon eine     gezieltere Protesthaltung. Wer mag es gewesen sein, wenn der lässige Berliner, dem alles schnurz und piepe ist, nicht in Frage kommt? Es bleiben noch viele gedankliche und wirkliche „Farbattentäter“ übrig, die sich aus den Touristenmengen der streng katholischen Provinz oder aus den moralisierenden gutbürgerlichen Hassschwaben des Prenzlbergs rekrutieren könnten ...

 

Wir, die Larry Clark kennen, schätzen, ja – und vielleicht sogar lieben, rufen den Farbbeutlern zu: Eure Farbanschläge aufs Ausstellungsposter hat Larry bereits vorausgesehen. Viele seiner Fotos decken die Folgen der gesellschaftlichen Doppelmoral auf und sezieren die soziale Verantwortung und moralische Haltung ihrer Mitglieder.

Text: 2012 by León W. Schönau

 

Larry Clark , noch bis 12. August 2012, im C|O BERLIN, Oranienburger Str. 35/36 . 10117 Berlin, Tel. 030 28 444 16 0. Täglich 11 — 20 Uhr . Eintritt 10/ermäßigt 5 Euro.


K13

18. Juli 2012/ Berlin/ Wo ist der Sommer?/ Gleichnis am Schaufenster/ Dialog mit Sommerhüten


Sommerprovokation hinter Gittern

 

Draußen regnet´s. Drin ist Sommer. Bleibt ihr mal schön drin. Draußen habt ihr nichts zu suchen, ihr sieben Verrückten! Gitter runter! Zack!

 

Die kreisrunden Bunten säuseln Reaggaes. Sie drehen sich, dass die Strohfetzen fliegen. Der Gelbe am schnellsten. Der Grüne stimmt den Jailhouse-Rock an. Der Elvis in mir seufzt.

 

Die ersten Tropf erwischen mich. Jetzt macht mir der Rote seinen Sex-Appeal vor: "Stell dir vor, hinter mir steht ein schokobraunes Girl und hat nichts an". Gottseidank: Gitter davor ...Die anderen rappeln und machen Flug- und Fluchtbewegungen. Die Fensterscheibe vibriert. Ich besänftige die Strohverrückten: Sommer kommt ja noch. Dann lässt man euch frei. Über Berlin donnert´s. Ich ziehe den Kopf ein. Der Regen rauscht auf mich herunter.

Einen Hut müsste man haben ...

(Text©2012leonwschoenau)


22. Juni 2012/ Berlin alltäglich/ Blumensommer/ Blumensignale in der Stadt/ Berlin sagt´s auf Italienisch

BERLIN

Berlino: Amore mio!

 

I passeggiare per Berlino: Non poteva

all´italiano! Questo è fantastico! Die farblich stimmige Einladung zu einer kleinen pausa nehme ich an, denn der Kontrast passt (und das Wetter auch). Berlin in diesen Tagen ist voller Italiener. Die Perspektive macht´s halt: Jeder findet hier, was er gerade sucht. Die Sommerferien haben begonnen  ...

Benvenuti a casa ... 

(Text©2012byLeonWSchoenau


K 12

Paul Mc Cartney wurde 70/ Erinnerungen an Paul/ „Yellow Submarine“ in Prag/ Memories on Paul MC Cartney/ Recuerdos a Paul McCartney

 

Hallo Paul, wie ist das mit „When I`m Seventy“?

Erinnerungen an einen Siebziger

 

Es gibt zwei Daten in meinem Leben, die ich aufs Engste mit meinem aufsteigenden Beatles-Ast verbinde: den 18. Juni eines jeden Jahres und den 13. Januar 1969. Grund des tiefgeprägten und vergesslichkeitsresistenten Erinnerns ist Paul als solcher und Paul samt Mannschaft, sprich „The Beatles“. Am eben verflossenen 18. Juni also war es wieder ,mal so weit:Pauls geburtstag - und zwat der 70! Respekt!  Und heute, ein paar Tage später, will ich für mich und Interessierte mal kurz einen für mich wichtigen Zusammenhang reflektieren . „When I´m Sixty-Four“ komponierte Paul himself für die neunte in 1967 erschienene Beatles-LP „ Sgt.Pepper´s Lonely Hearts Club Band“. Interessant war bei dieser Aufnahme (bei der es ja um die Weissagung Paul´s geht, wie es im zumute sein würde,  wenn er – in ferner Zeit – einmal Vierundsechzig wäre), dass bei der Abmischung Pauls Stimme um einen halben Ton erhöht wurde, um seine Stimme jünger klingen zu lassen. Hinweis auf die Ironie des Titels, die sich im Text selbst auch an verschiedenen Stellen durchaus wiederfindet (obwohl Text und Melodie im Laufe der Zeit mehrfach verändert wurden). Welche Vorstellung treibt den Text durchs Lied? Die offensichtlich imaginäre Ansprechpartnerin wird gefragt, wie sie zu einem (Mann) stehe, der mit 64 so einige Selbstvergewisserungs- und Selbstbewussteinsfragen hat: Wirst du mir mit 64 zum noch einen Valentinsgruß schicken, eine Flasche Wein, Geburtstagswünsche ...? Wirst du mich brauchen, wirst du mich durchfüttern, wenn ich 64 bin ...? Nein, zum alten Eisen will sich der Ich-Sänger noch nicht werfen lassen, denn er kann noch ´ne Menge: Elektroleitung flicken, wenn der Strom ausbleibt, mit der Liebsten sonntags ausreiten, den Garten pflegen ... Der englische Humor erklettert am Ende des Liedes die Liedtextleiter und gibt dem dahinschmelzenden Zuhörer den "Aktivitätsindex 64" mit auf den weiteren Altersweg:

 

Send me a postcard

Drop me a line
Stating point of view
Indicate precisely what you mean to say
Yours sincerely wasting away
Give me your answer
Fill in a form
Mine for evermore
Will you still need me
Will you still feed me
When I'm sixty-four?

 

Nun, ich weiß nicht, wie es im Inneren Pauls in 2012 aussieht, ob er sich diesen Song eventuell doch inbrünstiger zu eigen machte, als ich glaube. Jedenfalls wirkt Paul (zuletzt auf seinem Konzert im Mai 2012 in Mexiko) auf mich wesentlich frischer als statistische 70 Jahre und trägt als Trophäe der Beatlesbewegung bis in unsere heutige Zeit Flexibilität, Kreativität und Jugendelan weiter mit sich herum. Der Platz in meiner Vorbildsliste ist ihm nach wie vor gesichert.

Vor lauter Begeisterung vergaß ich, nun aber endlich den Hintergund des 2. „Paul-Termins“ zu lüften: Hier ging es um den 13. Januar 1969, als das neue „Yellow Submarine“-Album auf den Markt kam. Den Titel mit dem submarine gab es ja bereits seit 1966 und ich kannte als junger Mann den Text eh schon auswendig. Vom Plattenmarkt jedoch durch eine Mauer getrennt, war es mir nicht möglich, der Scheibe habhaft zu werden. Ein Trauerspiel, das sich zwei Jahre später in Freudentränen im teuersten Kino Prags auflösen sollte. Der Zeichen-trickfilm „Yellow Submarine“ von Gorge Dunning flimmerte über die Leinwand, das feinste Kino am Wenzelsplatz brechend voll, jeden Tag ausverkaufte Vorstellungen. Welch ein Glückstag! Drinnen im Kino die Beatles  und draußen der „Prager Frühling“, der es möglich machte, kurzfristig durch den "Eisernen Vorhang" hindurch zu sehen. Und was werde ich mit 70 machen? Ich weiß es noch nicht ganz ganau, aber bestimmt so tun, als wäre ich 64 und Pauls Text vor mich hinsummen ... (Text©2012byLeonWSchoenau)


K 11


18.06.2012/ Berlin/ Kiezkultur/ Tag der Musik/ Musikausbildung/ Jazz für alle/1.Lichtenrader Jazzfest/ Rezension

 

1.Lichtenrader Jazzfest. Foto:@León W. Schönau. Weitere Fotos bei CTD| FOTO AKTUELL/REPORTAGE
1.Lichtenrader Jazzfest. Foto:@León W. Schönau. Weitere Fotos bei CTD| FOTO AKTUELL/REPORTAGE

BERLIN

Go on! Der Süden Berlins profiliert sich: "Jazztown Lichtenrade"

 

Es musste nicht der „Tag der Musik“ kommen, aber es passte am 15. Juni wunderbar in den Kalender der Berliner Jazzer und Jazzzuhörer, mal insgesamt 3 Tage im Süden Berlins das 1. Lichtenrader Jazzfest auszurufen. Und nicht nur zu rufen, sondern auch voll und ganz den Jazz aller Stilrichtung mal so richtig in den Kiez zu tragen. Fortsetzung und Höhepunkt einer bisher bereits Monat für Monat stattfindenden Jazz-Konzertreihe im Gemeinschaftshaus Lichtenrade.

 

Ohne fundierte Ausbildung keine Jazzqualität. Das beispiellose Experiment kann als gelungen bezeichnet werden. Allem voran ein Verdienst von Lutz Fußangel und seinen Mannen und Frauen, von denen viele noch den „Jazzschülerstatuts“ besaßen. Als Leiter der „Akademie für jazz und Popularmusik“ der Leo-Kerstenberg-Musikschule Tempelhof-Schöneberg und Vorsitzender des Vereins „Jazz für alle, e.V.“ sorgt er bereits seit Längerem für das Zusammenführen von Jazz und Öffentlichkeit. So konnte man im Gemeinschaftshaus sozusagen die Jazz-Früchte einer „Musikausbildung von unten“ vom üppig bestückten Jazzbaum ernten. Schließlich gibt es schon in einigen Lichtenrader Grundschulen Unterrichtsstunden im Fach „Big Band“ – kaum zu glauben , aber wahr. Also auch zugleich Werbung für Eltern und Kinder: Lasst euch begeistern vom Flairs des Jazz, „selbst gemacht“!

 

Jazz akademisch? Masterpice, well played! Fußangels Jazz-Akademie verspricht dabei eine für die Berliner allgemeine Jazzbasisarbeit ungewöhnliche Ausbildungsqualität: Vokal-, Instrumental- und Ensembleunterricht ergänzen sich gegenseitig. Alle lernen hier auch die für gut gesielten Jazz so wichtigen Techniken und Methoden von Improvisation Arrangement, Komposition, Stilistik und Rhythmik, selbstverständlich auch Theorie und Jazzwissenschaften ... Und es bleibt nicht nur beim schulischen Vorspiel. In den vom Verein „Jazz für alle, e.V.“ organisierten Konzerten gibt´s die große Bühne für den Nachwuchs. Direkter Erfahrungsaustauch und persönliche Kontakte der Schüler mit professionellen Musikern liegt im System der Jazzausbildung der Akademie, denn nichts ist besser für angehende Jazzer als Hand in Hand mit den Profis zu lernen was Improvisation, Bühnenpräsentation oder Konzertmanagement bedeuten. Solche „Lern- und Übungsstreckenstrecken“ gab es in letzter Zeit reichlich. Saxophonist Dick Oatts, Sängerin Elly Wrihgt, die Holland-Bigband oder Hennig Mun k & Plumperne aus Dänemark waren die „Übungspartner“ in Konzerten.

 

Jazz für alle ­– keine leere Formel. Es ist fast das Wichtigste, was neben herausragenden Konzerten in Berlin-Lichtenrade die wirkliche Stärke dieser fundierten Musikausbildung ausmacht: Jeder, der sich für jazz begeistert, kann einsteigen. Auch eine Art „Erwachsenenbildung“ ist durchaus mit im Spiel. Jazzausbildung ist für alle möglich, unabhängig vom Geldbeutel und sozialen Status. Hier wird eben Jazz als Kulturgut entwickelt und nicht als nur als eine lediglich von Eliten verstandene und gepflegte Musikrichtung. Vor allem wird dabei auch interkulturelle und soziale Arbeit geleistet, was in einer Stadt wie Berlin mit ihren tausendfältigen Integrationsproblemen eine höchst anerkennenswerte Leistung darstellt.

 

Rezension zu 3 Jazztagen in der "Jazztown Lichtenrade" – Vielfalt und Begeisterung des Jazz.

 

Am Freitag, 15. Juni, starteten bereits nachmittags die Trommler um Mamadou Mbaye mit ihrem rhythmischen Staccato und holten die Leute von der Straße weg auf den Vorplatz Gemeinschaftshauses.

Durchaus humorvoll gemeint, griffen danach die „Rosaring Strings“ im Foyer des Hauses in ihre „brüllenden Saiten“: Bass, Gitarre und Gesang mit Stefanie Unger und Bernd Kuchenbecker trugen die Meisterschaft natürlich in sich, ansonsten wären Satire, Ironie und tiefere Bedeutung während ihres exzellenten Vortrages nicht zustande gekommen.

 

Thomas Börner von der Leo-Kernstenberg-Musikschule und Schüler zwischen 12 und 15 Jahren präsentierten temporeiche aus Percussionsband „Drumzone“, was es heißt, auf Marimbaphon, Vibraphon, Pauken, Schlagzeug usw. „den Zug abfahren zu lassen“. „Wahnsinn!“, riefen einige neben mir, und meinen die muntere Jugendband.

 

Im kleinen Saal nebenan hörte man schon „Michelle“, eine bereits in Berlin gut bekannte polnische Jazzvokalistin. Sie trat mit der „Swingschmiede“ auf, 5 Männer als elder statesmen des Jazz in Berlin. Sie alle sind auch als Mitglieder weiterer Berliner Swingbands zu finden - Alter 70 bis 80. Na, wer sagt´s denn! Alter allerdings keinesfalls ableitbar auf eine klassischen swingenden Stil, der den Größen des Swings, wie Mulligan, Monk, Golson oder Mingus, aber auch Benny Goodmann und Steve Allen verpflichtet ist.

 

Gleich danach im Großen Saal: Schon wieder Percussion, dieses mal mit den „erwachsenen“ Percussionsband der Schule, ebenfalls unter Thomas Börner. Schlag auf Schlag folgte dem die Gruppe „Schlagfertig“ mit einem Groove, der sich geschlagen hatte! Atemberaubend ihr Performance mit den „musikalischen Aluleitern“, die als unbekannte Instrumente bis etlichen artistischen Kicks gebracht worden.

 

Acht Uhr abends dann, ebenfalls im Großen Saal „Sidney Blues“, Jazzprofis, die der Musik des French-Quarters von New Orleans verpflichtet sind. Und natürlich Sidney! Also ein ganzer Abend „A Tribute to Sidney Bechet“. Begeisterung im Parkett und standing ovations für erstklassige Interpretation und solistische Leistungen besonders auf Klarinette, Sax und Piano.

 

Am Samstag, 16. Juni, wieder im Freien, tobten sich die „Samba-Kids“ aus und grüßten von der Berliner Musikschule Béla Bartók. Brasilien in Lichtenrade! Von Stimmung her und als reinrassige Sonnenscheinmusik mit Reggae und Ciranda: Man konnte alles gut als Startsound für den 2. Jazztag genießen.

 

Einen Jazzchor? Das gibt es selten! Viel Aufmerksamkeit deshalb für die „Charmonies“ aus Berlin-Mariendorf und ihrem Vortrag in a-capella-Tradition vom Feinsten. Ein Chor, den Elisabeth Bock bereits vor 14 Jahren in der Musikschule ins leben gerufen hat und der bis heute bei seinen Aufritten großen Anklang findet.

 

In schneller Folge tauchten wir dann ein in die innerschulische Leistungsschau der Akademie, natürlich öffentlich, wie es sich gehört: „So what“ unter Leitung von Klaus Tiedeken, gab ihr „Jahresabschlusskonzert“, inklusive Improvisationsworkshop und „Kids in Concert“, ein größeres Gemeinschaftsprojekt von „Jazz für alle“, Musikschule Tempelhof und Jazz-Treff Karlshorst begeisterten.

 

Höhepunkte des Samstages waren „BlackHeritage“ und die munteren Boys des Profi-Dixielands, die „Umbrella Jazzmann“.

Die Band von „Black Heritage“ löste mit ihren Stücken viel Begeisterung aus. Zu selten zu hören ist eben die von ihnen vertretene Musik, ein Mix, der bis auf die afrikanischen Wurzeln des Jazz zurückgeht, verbunden mit den modernen Afro-Beats, mit Reaggae, brasilianischem und afro-kubanischem Jazz, mit Rap und Gospel. Eine Band auch mit viel internationaler Erfahrung im Austausch zwischen den USA und Europa sowie auf diversen World-Music- und Jazz-Festivals. Und: Bitte bedingt nach Lichtenrade wiederkommen! Muss man über die „Umbrellas“ noch viel Worte verlieren? Ja, spannen Sie ruhig den Schrim auf! Denn sie wurden dieses Jahr 50. Damit prägen sie ihre bisherige Marke doppelt, nämlich Berlins traditionsreichste und in dieser Art Formation seit 1962 bestehende älteste Dixieland-Gruppe zu sein. Gratulation! Immer wieder beindrucken sie dabei ihr Publikum mit einer derartigen Musizierlaune, dass alle mitgerissen werden vor Begeisterung. Sie haben eben diesen Umbrella – Sound, der von einer gut formierten Rhythmusgruppe getragen wird. Erklingt dazu noch ihr Susaphon, ist der frenetische Applaus vorprogrammiert.

 

Es ist unfassbar und spricht für den Jazzaufbruch in Lichtenrade, dass es sogar eine Art Baratmosphäre im wahrlich ansonsten nicht neuen und sehr festivalgeeigneten Backsteinbau des Gemeinschaftshaus gibt. Dort im „Kleinen Saal“ ließ ebenfalls abends Pianist Stefan Breisl, Leo-Kerstenberg-Musiukschule, seine Finger über die Tasten gleiten. Tolle Atmosphäre, die sogar mit einem guten Getränkeservice noch gesteigert wurde ... Ein Mann mit vielfacher Banderfahrung, von den Rockband „The Intakes“ bis zur Irish-Folk-Band “Fast Pint“. Auch ein Mann der viele internationale Solisten am Klavier begleitet. Dass seine Liebe den Lieder von Georg Kreisler gilt, konnte nicht verborgen bleiben. Er setzte kräftige Akzente, begeisterte mit artistischen Läufen und perlenden Tönen. Einfühlsames ist seine Sache auch (siehe Kreisler) ...

 

Samstagsnacht in Lichterade mit Acid Jazz der WSC-Jazzband! Hier konnte wieder eine Bandgründung der Musikschule überzeugen, die sich dem gewiss nicht einfachen Kombinieren von elektronischer Musik, Soul, Funk und Jazz verschrieben hat. Das führte sogar zu einer ziemlich in die Beine gehenden tanzbaren Musik , in der man Reggae, Hip-Hop und House-Musik wiederzuerkennen glaubte. Lutz Fußangel, Chef der Akademie, hatte auch hier die Leitung und war mit seinem Saxophon (wie bei Tuchdown am Freitagabend) improvisationsstark wie immer am Werke.

 

Sonntag, 17.6, es gab zu sonntagsfrüher Stunde erneut eine Lehr- und Lernübung ab 10 Uhr im Großen Saal: „Es soll swingen bzw. grooven“, so die Zielstellung. Das freie „Off-Beat-Spiel“ kann erprobt werden. Und siehe da: Es hatte sich herumgesprochen, denn Anfänger und Fortgeschrittene trafen sich.

 

Und danach wieder „Bar“ und wieder Swing, die Sonne schien ... Das machte die tolle Stimmung des Abschlusskonzertes mit „The Swing Crusaders“ aus, die ihr Philosophie des Leichten, der Lebensfreude und beim Miteinander des Fußwippens oder Tanzens gut herüber brachten. Nicht zuletzt lag das auch an Sängerin Katy Kay, die mit sowohl mit intelligenten als auch einschmeichelnden Songs die sonntäglichen Jazz-Treff verschönerte.

 

Fazit: Neben vielen hier unerwähnten Lehr- und Übungsstunden, Workshops usw. ein schier umwerfendes Jazz-Kiezfestival in einer derartigen Fülle und Präsenz des guten Jazzgeschmacks, der Bands, Solisten und der Musikerbegeisterung, dass es schwer fällt, noch mehr Details in diese Rezension zu hinein zu geben, als dass hier schon geschah. Ja, ein Maximum an Jazz, ein Maximum an Talenten, Spielfreue und ein überzeugendes Placet für Musikausbildung in Sachen. Wir freuen uns auf das 2. Lichtenrader Jazzfestival in einem Jahr!

(Text: León W. Schönau)


K 10


04.06.2012/ Niederlande/ NL-Nordseeküste/ niederländische Badeorte/ Zandvoort aan Zee/ Gastronomie von Zandvoort/ Pavillons am Stand von Zandvoort/ Zandvoort´s Badegastronomie in Strandpavillons/

NIEDERLANDE/2

Strandurlaub in Holland? Aber bitte nur mit Pavillon!

 

Das berühmt berüchtigte holländische Strandwetter hat bereits nordessewolkig, windig und nass Einzug in Zandvoort gehalten, als der Zug aus Amsterdam qietschend am Bahnhof endet. Erwartungsfroh bleiben dennoch alle Mitfahrer und schultern die komplette witterungsoptimierte Ausstattung. Man weiß Bescheid, hier ist schließlich nicht die Costa Brava.

 

Und dennoch hat die Zandvoort Costa einiges Wildes zu bieten, das sich erst beim 3. Blick und beim zunehmend schräg auftreffenden Niesel ergibt: Unterschlupfmöglichkeiten, sogar geheizt und windgeschützt. Natürlich denkt der hollandpreisgebeutelte NRW-Ausflügler: Alles für den Konsumwahn, puh! Tausche Strandsandwonne kostenfrei gegen endlos Fritten mampfende Kinder mit ungesund hohem Colaverbrauch ...

 

Und da stehen sie dann auch, in Reichweite des Strandes,  jedoch reichlich außerhalb der begierig schäumenden Nordseewellen: Die Strandpaviljoens oder Strandtents, wie die

gastronomisch ambitionierten und einfallsreichen Holländer zu einer Mischung aus improvisierten Buden und einfallsreich gestalteten, Sommerfeeling vermittelten haciendas mit drapierten Kunstpalmen und echten Spring- brunnen sagen.

 

„Zin in Zandvoort“ – eben! Der Werbespruch des örtlichen Tourismusbüros, er macht irgendwie Sinn: Nämlich den, es hier die Strandperlenkette der bedachten Zufluchtsorte gibt ...

 

Die gastronomische Strandrandsiedlung ist in ihrer Ausdehnung nicht zu unterschätzen: Auf 9 km Zandvoort-Langstrand kommen allein auf 5 km alle Arten (rund 40 insgesamt!) von „tents“, die via flatternden Fahnen, vom Winde verwehten Musikfetzen, architektonischen Kraftakten und vielversprechenden Namen das touristische Strandgut Mensch locken: Beachclub Take Five, De Haven van Zandvoort, Skyline, Thalassa, Negentien, Beachclub Riche, Tapa Nui, Riche aan Zee, Paal 69, Que Pasa Play, Safari Club, Club Nautiqe ...

 

Natürlich kann auch der Himmel mal aufreißen über Zandvoort und dann wird es genau so blau wie in der Karibik. Plötzlich verwandelt sich die platten-, steg- und segeltuchbedachte Einkehr- szenerie für nasse Tage in ein Openair der Leichtigkeit, fernab aller holländischen Solidität. Die Namen der Pavilljoens bekommen ihre

konsumbegeisternden Assoziationen wieder, die Strandmenschheit drängt schattenbesessen unter die Markisen und die Kellner servieren gut gelaunt das Exotischste der Welt (einschließlich boerenkool mit rookworst).

 

Wandert man dann noch zum Abschluss des Tages die Showline der Pavillons (besonders eine Stunde vor Sonnenuntergang) strandbarfüßig ab, ist die Karibik endlich voll und ganz anwesend und verschafft mittels „lekker“ serviertem und geschlürften echten Caipirinha ein Gefühl, wie ... ahhh ... países bajos olé ...

 

(Text©2012byleonwschoenau_www.concept-text-design.de)


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02.06.2012/

Niederlande/

Die Radfahrernation der Niederlande/ Radfahren in den Niederlanden/ Holland-Räder/ Fahrweise auf Holland-Rädern/ 

NIEDERLANDE/1

 

Es fietst !

 

Während die Berliner Radler kopfvorgebeugt sich an ihren tiefergelegten Lenkern festhalten und den Blick fest auf die hiesigen Hoppelrad- wege richten, sieht der Vergleichende hier in den Niederlanden die ganze Aristokratie Rad fahren. Egal ob groß oder Klein,  Dick oder Dünn, Alt oder Jung: Man strampelt hier in anständiger – und wohl auch körpergerechter und damit wohl auch gesünderer Haltung – durch Stadt und Land.

Von Königin Juliana existiert ein heute nostalgisch anmutendes Fotos aus ihrer aktiven Regierungszeit, das sie leicht beschwingt auf einem Hollandfiets zeigt, natürlich mit Speichenschutz für flatternden Damenrock ...

 

Radfahren mit Hollandrädern ist umwelt- bewusst. Ja , natürlich, wirst du sagen. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Auf den Fahrradwegen in NL schaut man bewusst in  die Umwelt und bekommt dadurch Haltung. Man hat die vorbeiziehende Mitwelt sozusagen im Blick und möglicherweise damit auch besser im Fahrradgriff. Das betrifft natürlich hier wie in Berlin, auch die potenziellen Schrammer, Drängler oder gefährlichen Luftzugerzeuger PKW´s und – hoch 3, LKW´s. Man sieht sie und sie sehen dich. Nicht immer, aber immer öfter ...

 

„Omafiets“, wie die Holländer zu ihren zuweilen panzerhaft konstruierten Zweirädern sagen, halten natürlich Omas aus, aber noch viel mehr. Sie sind in der Regel „gewichtig“ und eignen sich nicht fürs Rückentragen oder schnelles Überwinden steiler Treppen.  Aber sind praktisch, praktisch, praktisch ... Alles was der Berliner gefährlich balancierend in Taschen um Schulter und Lenker schlingt, der Einkauf oder die Beute des Tages schlechthin, dazu noch ein wackelnder Kindersitz hinten, verstaut der Niederländer in Kisten für Lebensmittel, Blumen, Hunde und „Beute des Tages“ vorn oder hinten, Kinder auf fest montierten schalengeschützten Kindersitzen mit ordentlichen Fussstützen. Oder wenn sich die menschlichen und dinglichen Lasten potenzieren, wird aus dem zweirädrigen fiet ein drei bis vierrädriges Fahrzeug, ein sogenanntes bakfiet. Großen Lastkähnen gleich, ziemlich Respekt einflößend dank Länge und Gestellaufbau, ziehen oftmals Eltern mit Kindern diese "fiets-Kreuzer" wegen ihrer geschützten Containerbauweise vor – eben ein bak.

 

28-Zoll-Räder? Selbstverständlich! Das fiet steht auf ebenso solidem Ständer. Kettenkasten: Geschlossen. Schaltung: Bitte nicht mehr als drei Gänge und dann nicht übertreiben ! ... Wir sind mit einem Omafiets immer Teil der slowmotion- 

Bewegung im Vergleich zu den Rennrädern und Bonanza Bikes rings um uns herum. Zugegeben, in Amsterdam gibt’s keine Berge und die selbst die gewölbtesten Brücken von den insgesamt 1540 Amsterdamer Fluss- und Grachtenüber- spannern, benötigen nur ein paar kräftige Pedaltritte mehr.

 

NL-Retromodelle sind einfach „in“. Mit diesen lässt sich auch anständig zur abendlichen „Carmen-„-Aufführung fahren. Zeitbezogen zeitlos, das könnte es auch sein, was so viele Fans an die fiets in Holland/ aus Holland bindet. Robust und damit wartungsarm sind die fiets allemal, der typische Wiegerahmen ist für einen gefahrlosen Radeinstieg für Frau und  Mann die beste Garantie. Wenn sie den häufigen Hollandniesel über die Jahre relativ rostfreier überstehen, als die Chrombikes mit den Glitzerextras, dann sind sie auch als beständig und pflegeleicht einzustufen.

 

Last but not least: Mit Hollandfiets fährt man keine Radrennen. Man wie frau beruhigt sich einfach auf ihnen und sieht einem garantiert stressfreien Radvergnügen entgegen ... Das für die Berliner, die fiets-infiziert von Holland hierher zurückkommen.

(Text©2012byLeónWSchönau_www.concept-text-design.de)


K 8


30.04.2012/ Jazz/ Unesco/ Unesco-Welttag des Jazz/ Eröffnung in Paris/ Konzerte in New Orleans und New York/ Bedeutung des Jazz für die Welt/

Plakat: UNESCO Paris
Plakat: UNESCO Paris

UNESCO-World_Jazz Day 2012:

Unseren täglichen Jazz gib uns heute und immer wieder ...

Fast ist es heute schon wieder zu spät, um die Posaune anzuwerfen, die Drumms hochzufahren, den Bass rhythmisch zu zupfen oder die Läufe auf dem Piano perlen zu lassen. NOCH besitzt der heutige Tag und Abend den Geschmack der WorldWideJazz. Es ist NOCH International Jazz Day. Nach den schon gewohnten UNESCO-Welttagen der Muttersprache, der Poesie, des Buches tritt nun der Jazz erstmals 2012 in die kulturelle Weltarena und macht ab sofort alljährlich auf seine weltumspannende musikalische Kulturfurche aufmerksam. Mit Recht! Und diesem Recht hat die UNESCO ein wenig nachgeholfen. Besonders lobenswert ist das allemal. Insofern wurde zur Eröff- nung auch über Geld geredet. Man denke nur an die klammen Kassen der Organisatoren, die seit ihrem Anerkennungsbeschluss für einen Palästinenserstaat, keinen US-Beitrag mehr zur Verfügung haben. Finanziert wurde der WJD 2012 also nicht aus dem UNESCO-Budget, sondern namhafte Sponsoren und Mitgliedsländer brachten die gewiss stolze (mir nicht bekannten) Konzert- und Gedenksumme zusammen.

Jazzfans sind eben Improvisatuere!

Paris gab am 27.4.2012 den Startschuss. Am UNESCO-Sitz musste es sein – und schon ein wenig früher ... UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova und der als „UNESCO-Goodwill-Ambassador“ geadelte Herbie Hancock gaben den Tag voller Jazzereignisse in Paris frei: Liveauftritte, Meisterklassen, Diskussionen ... Und alle Großen die ge-/berufen wurden, kamen sahen und siegten: Herbie, siehe oben, Dee Dee Bridegwater, Barbara Hendricks, Klaus Doldinger, Marcus Miller, Hugh Masekela ...

Ein Video mit Ausschniten vom Auftakt im UNESCO-Hauptquartier in Paris gibt es auf youtube zu sehen (4.06).

Wer glaubt, Jazz sei heute selbstverständlich und weltweit anerkannt, irrt. Und wer meint, es müsse nicht noch ein „World Day“ für den Jazz ausgerufen werden, irrt schon das zweite Mal. Klaus Doldinger bemerkte in Paris nachdenklich dazu, dass der kulturelle Wert dieser Musik in den USA, dem Ursprungsland des Jazz, noch nicht ganz durchgedrungen sei „bis in die Instanzen, die daran etwas ändern könnten und den Musikern geht es da zum Teil nicht besonders gut ...“.

Das Geheimnis der Jazz-Kraft ist spürbar. Der Jazz, historisch basiert und in allen nachfolgenden Zeit- und Kulturformationen immer wieder „renoviert“, bringt eine musikalische Urkraft zum Ausdruck, die auch in der heutigen global zerstrittenen Welt inspirierende Zeichen der Kooparation und Solidarität zustande bringt. So lässt sich zum 1.WorldJazzDay mit Gewiss- heit sagen: Jazz ist Stimme der Freiheit, Ausdruck des Lebensgefühls, ist Glanz des musikalischen Improvisierens, ist Mittel des Dialogs ... Und das meint auch die Entwicklung des Jazz von der Gebrauchs- und Unterhaltungsmusik, von der Tanzmusik bis zu den heutigen Formen der „klassischen“ Konzerte, die mit der regulären „E-Musik“ gleichgesetzt werden können. Die weltumspannende, universelle Bedeutung des Jazz wird mit diesem Tag doch etwas deutlicher in die musikalische Erdumdrehung gegeben, als sie es ohne Jazzday wäre.

"Jazz hat die moderne Musik revolutioniert"

Er verschaffte den Afroamerikanern weltweit Gehör und machte auf ihre Lebensbedingungen und ihre Diskriminierung aufmerksam. Jazz steht wie keine andere Musikrichtung für ein Lebensgefühl, das von der Suche nach Freiheit geprägt ist", sagte Dr. Roland Bernecker, Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission. Nach dem Pariser WorldJazzDay-Opening folgen New Orleans und New York, damit ist auch „der Ursprung “ gerettet, denn am 30. April gehen die Ehrungen taggleich mit viel Prominenz über die Bühnen in New Orleans und New York. In New Orleans: Da wäre zunächst das „Sunrise-Concert“ in der Geburtsstadt des Jazz, New Orleans, am Rande des New Orleans Jazz & Heritage Festivals mit Herbie Hancock, Terence Blanchard, Ellis Marsalis, Dianne Reeves, Kermit Ruffins, Bill Summers, Treme Brass Band, Jeff 'Tain' Watts , Dr. Michael White, Luther Gray, Roland Guerin und anderen berühmten Gästen.

In New York, in der Halle der Generalversammlung der Vereinten Nationen, findet heute ein weiteres großartiges Jazz-Memorialkonzert statt. Daran werden mitwirken:Tony Bennett, Terence Blanchard, Richard Bona (Kamerun), Dee Dee Bridgewater, Candido, Robert Cray, Eli Degibri (Israel), Jack DeJohnette, Sheila E., Jimmy Heath, Zakir Hussain (Indien), Chaka Khan, Angélique Kidjo (Benin), Lang Lang (China), Romero Lubambo (Brasilien), Shankar Mahadevan (Indien), Wynton Marsalis, Hugh Masekela (Südafrika), Christian McBride, Danilo Pérez, Dianne Reeves, Bobby Sanabria, Wayne Shorter, Esperanza Spalding, Susan Tedeschi, Derek Trucks, Hiromi (Japan) und andere. George Duke wird das Riesenkonzert leiten. Bestätigte Co-Hosts sind keine Geringeren als Robert De Niro, Michael Douglas, Morgan Freeman und Quincy Jones. Das Live-Konzert beginnt am 30.4.2012, um 19:30 Uhr (GMT-4). (Text: León W. Schönau)


K 7


Berlin/ Zeitgenösssische Kunst/ 7. Kunstbiennale Berlin 2012/ Gallery Weekend Berlin/

27. April 2012

Kombinierter Berliner Kunstrausch an diesem Wochenende

 

Ein Kunstpaukenschlag kommt mit dem ersten spürbaren Frühlingswochenende in der Kunst- metropole Berlin zustande: 7. Biennale an 4 Orten der Stadt und Gallery Weekend in über 50 Galerien. Was will man mehr . ..Will man NOCH mehr? Kunstsammler mit Spürnase aus aller Welt wissen das eminente Kunstzusammentreffen an diesem Wochende der Spree zu schätzen – und kommen mit Kaufkraft und Kunstsinn hierher.

 

Galerienwochenend´ und Sonnenschein! 500 Galerien in Berlin, Kunsmotivation und Kunstsinn wie Sand am Meer. Kampf um Qualitäten allerorten, Künstler, Besucher und Kunstumsätze: Es ist fast so wie in New York, wie in Soho, Tribeca, Upper East Side , 57th Street Area....

 

Über 50 Galerien von von diesen 500  sitzen mit in diesem Wochenendkunstboot und bitten künstlerisch um die geschätzte Aufmerksamkeit. Der Run auf Kunst in Berlin ist immer noch im Gange. Der Ottonormalverbraucher, sofern er das künstlerische Gesamtpaket überhaupt schafft, es wahrzunehmen, wundert sich nihct das erste Mal. Aber er steht nicht auch nicht im Fokus.

 

Wenn Julian Schnabel bei Max Hetzer ausstellt bekommt die Stadt wieder ihren „american touch“. Es wird nicht nur Kunst geschaut, sondern Kunst gekauft. Das ist neben Party, Sehen und Gesehenwerden harte Arbeit. Und bedeutet für für Kunstexperten und Kunstsammler den Salto logistischer Überallanwesenheit, der nur zum Teil gelingen kann. Da geht man am besten auf eines der Dinner, soweit man geladen ist, und zieht dort hedonistisch mit den anderen Kunstakteuren ganstronomisch-künstlerisch„blank“.

GALLERY WEEKEND BERLIN 2012, ALLE ORTE UND TERMINE

 

7. Biennnale: Kunst soll Enthüllung sein! Wenn Kunst keine Experimente liefert, ist sie tot. Wenn sie nicht politisch provoziert, Partei nimmt für das Persönliche und Soziale hat sie verspielt. Sie hat zu enhüllen!!!

 

Artur Zmijewski, der Kurator der diesjährigen Biennale, bringt die Politgesinnung und

-engagement par excellence bereits mit. Es wird also nichts aufgetragen, nichts um irgendwelcher Schaueffekte inszeniert und ohne Rücksicht auf sich anbahnende Medienskandale in Rauzm und Geist gestellt.

 

Süffisante Skandalisierung des Kunstbetriebes? Es gibt viele , da das so sehen. Aber es gibt auch Authentische der Branche, die aufatmen, dass endlich das „art-business as usal“ durch Grenzüberschreitungen beendet wird.

 

„Occupy“ ist dieses Jahr der Inspirator der künstlerischen Auseinandersetzungen. Da geht es übrigens nicht um die geschätzte Klarheit des Durchblicks (tranparency) , sondern oftmals kraft Protest gegen alles und jedes und besonders „die da Oben“, um diverse Aufgeregtheiten des Zeitgeistes und der Zeitpolitik, mit allen Polit-Surrogaten von Tagessschau bis AlDschasira.

 

Kunst will vor allem selbständig sein. Das tut sie denn auch auf dieser Biennale. Aber sich nunmehr in alles und jedes einmischend verspielt sie auch ein guten Teil des gewonnenen Selbstanspruchs auf Richtungsweisung. Was kann Kunst für die Wirklichkeit tun? Was kann die Wirklichkeit für die Kunst tun? Diese zwei Fragen sollten es schon sein, die sich gegenseitig nicht aufheben, sondern befruchten müssen. Die Diskussuion läuft, mischen Sie sich ein!

7.BERLIN-BIENNALE 27.04.2012 – 01.07.2012

(Text: León W. Schönau, 2012)


K 6


Frühling/ Frühlingsgefühle/ Frühlingsfantasien/ Kastanien/ Knospen/ Knospenknall/ Fortsetzung

 

Knospenknall/2

 

Noch ist er nicht vorbei, der Knall. Und wer inzwischen gelernt hat, ihn besser wahrzu- nehmen (mit den Augen, mit den Ohren, mit der Nase) will ihn derzeit nicht mehr missen. Wie ich. Beim Suchen nach Fans, die sich bereits zum Thema geoutet haben, stieß ich auf Alfred Kerr (1967 – 1948).

 

Kerr, der Liebhaber junger Frauen und alles Schönen wusste, dass man Frauen verführen kann. Und zwar auch durch Verse, durch Witz und Humor.

 

Auch wenn Marcel Reich-Ranicki über Kerr  verlauten ließ, dass „die Egozentrik die Voraussetzung seiner kritischen Tätigkeit und darüber hinaus seiner ganzen schriftstellerischen Existenz, die Eitelkeit der Motor seines Schrei- bens, der Selbstgenuss sein Stilprinzip" war, nehme ich die gleich zu ziteriende Textstelle und damit Kerr an und drücke ihn gedanklich an mein Herz:

 

„Knospen knallen, Blüten fallen ;Grunewald voll Nachtigallen ,fragt das, rollt das, betets, lockts, klagt das, grollt das, flötets, stockts! Bis der Dichter grün umbuscht Walthern in das Handwerk pfuscht Und er haucht den Wonneschrei:Tanderadei! Welcher mild und feurige Frühling ist der heurige Lenz, geh nicht zu rasch vorbei Tanderadei!".

(Aus seinem Gedicht „Grunewald“).

 

Text© 2012by León. W. Schoenau


K 5


Frühling/ Frühlingsgefühle/ Frühlingsfantasien/ Kastanien/ Knospen/ Knospenknall

 

 


BERLIN

Knospenknall/ 1

 

Es wird endlich Zeit, wieder auf entscheidende Geräusche zu achten. Den ganzen langen Winter lang haben wir uns mit frostigen Geräuschen eingedeckt. Knackende Rhythmen irgendeines erwärmenden Stampftanzes. Kreischendes Vibrieren von Madonnas Obertonlagen. Schmonzettiges von Rolando Viazón, bloß um mal gedanklich México etwas näher zu sein. Leblose Durchsagen von Automatenstimmen bei der Bahn und im Telefon ...

 

Jetzt aber wird´s! Puhlt euch die Gehörgänge frei. Rundherum zwitscherts nicht nur natürlich, sondern es knallt auch. Die Natur kann sich nicht mehr halten. Ein paar Hagelkörner schaffen es auch nicht mehr, sie zu stoppen. Und das Erotischste vor dem großen Knallen ist und bleibt die Knospe. Halb auf, halb zu. Glänzend feucht, taubeperlt, schicksalhaft verführerisch in geheimnisumwitterter Spitzform, jungfräulich, jungmännlich, je nachdem ... Es handelt sich um bestimmte Minuten und Stunden. Genauer hinsehen und hinhören ist unabdingbar, sonst verpasst man ihn – den großen Naturknall allenthalben.

 

Üblicherweise knall es am lautesten weiter oben, ja da, schau´  nur hin. In den Kastanien tut sich was. Leckere braungelb-schwarze Knospen räkeln sich, drehen sich, wenden sich, schrauben sich empor, recken sich, winken dir zu ... unter jedem noch sie fahlen Sonnenstrahl ... sie kräuseln und wellen sich, spitzblättrig schaut hier und da schon etwas aus der Knospe raus. Du denkst an Marzipan, zarte Mädchenhaut oder gelbgrünes Seidenpapier...

 

Und dann passiert es: Peng! Die Knospe hat geknospt, ist geöffnet, das Herz ist schlägt spürbarer, die Augen weiten sich, der Mund geht nicht mehr zu, die Nase nimmt Knospenform an ... Nun können Frühling und Honig fließen ...

(Text©2012byleonwschoenau)


K 4


Berlin/ Unter den Linden/ Linden müssen weichen/ Baustelle der neuen Linie U5 Hauptbahnhof- Alexanderplatz

 


BERLIN

Unter den Linden eine U-Bahn: Berlin tunnelt weiter!

 

Deshalb stören zunächst diverse Linden von Berlins schönster Flanierpromenade unter Bäumen. Und – weg sind sie! Unter den Linden wird´s unterirdisch interessant und da stört jede Linden- wurzel beim Buddeln. Jetzt, in der fröstelnden Übergangsepoche von einem winterlichen Frühling zu einem frühlingshaften Frühling und hoffentlich sommerlichen Sommer sieht man die „nackten Linden“ besonders deutlich– und fröstelt doppelt.

 

Sollten dann eines Tages die linden Lüfte erwachen, wird man nach dem Boulevardrest Ausschau halten müssen, dem die berühmten noch Linden erhalten blieben. An der Kreuzung Friedrichstraße – Unter den Linden siehts erst mal ganz schön kahl aus. Bauastellenflair halt, wie es die Berliner so lieben. Hier entsteht der „Kreuzungsbahnhof U5 /U6 - Unter den Linden“. Später, wenn wir wieder ein Stückchen gewachsen oder ein paar Jährchen älter geworden sind, also z.B. im Jahre 2019, wird der U-Bahnhof fertig sein, und der grünsuchende Berlinmittegänger auch. Natürlich wird nachgepflanzt. Natürlich keine Minilinden. Aber den Berliner Gassenhauer „Untern Linden, untern Linden...“ zu pfeifen fällt mir im Moment an dieser Stelle nicht ein ... (Text©2012byleonwschoenau)


K 3


Leipzig/ Leipziger Buchmesse/ Rundgangs-impressionen/ Aussteller/ Besucher/ Buchverlage/ Marketing-Plattform/ Preise der Leipziger Buchmesse/ Autoren/ E-Books

 


LEIPZIG

Leipziger Buchmesse:

Bücher mit und ohne Stromanschluss

 

Was ist (auch) die Buchbranche ohne ihre Rekordmeldungen? Geradezu nichts! Und zu einer Buchmesse ziemt es sich, dauernd in Rekorden zu schwelgen. Leipzig kann´s auch: 1000 Messestände, 2071 Verlage aus 44 Ländern, 20.000 Neuerscheinungen ... Und Schwerpunkte gibt´s auch: Dieses Mal die Literatur aus Polen, der Ukraine und Weißrusslands. Die Besucherscharen, die bereits am ersten Besuchertag, heute, die Messehallen regelrecht überrennen, alles Leser, alles Käufer, alles Literaturaufgeschlossene, alles „Zielgruppe Buch“... ?

 

Die Marketingstrategen der Verlage und der Buchmesse taten vorab bereits gut daran, „Lesen und lesen lassen“, als die messetragende Parole auszurufen. Schließlich haben wir noch die stolze Buchmesse FFM, der die Führungsrolle nachgesagt wird. Was das Leipziger Profil betrifft, so sind die „Lesefestivals“ innerhalb der vier Messetage nun auch schon wieder rekordverdächtig. Allenthalben, wenn´s noch hell ist, „liest es“ in den Messehallen, auf Podien, Bühnen ... Und wenn´s dunkel wird begibt sich der Tross der Lesemarathons in die geeigneten Keller oder Kinosäle oder Buchhandlungen der Leipziger Innenstadt.

 

Leseforcierende Fernsehsender wie Arte oder 3Sat pushen die Autoren nur so und jagen eine Sendung nach der anderen von ihreb Messekleinbühnen in die satellitengestützen Übertragungsprogramme für die deutsch- und französischsprachige Guckerschaft hinaus in die Welt. Das berühmte „Blaue Sofa“ des ZDF wird von ständig neuen Autoren lesetremolierend besetzt und die ZDF-Moderatoren dürfen beim interviewen manchmal dem darum herum lagernden Publikum in die Augen schauen. Auch journalistischer Erkenntnisgewinn ist also angesagt! Jede so kleine Leseecke am noch so kleinen Stand ist einer Vorleserin/eines Vorlesers wert (2.6000 Veranstaltungen mit 2.780 Autorinnen und Autoren!). Der rundum brodelnde Besucherlärm schwächt dabei nicht, wie erwartet, die Kondition der Lesenden und Diskutierenden, nein er stärkt sie.

 

Ja, nicht vergessen, es wird ordentlich diskutiert: zivilisiert, mikrofonbewehrt und mit brav nachfragenden Zuhörern. Urheberrecht – pro und contra, Schulbücher, die über den Tellerrand der bundesdeutschen Fürstentümer hinaus verbindlich sein mögen – pro und contra, das gute gutenbergfundierte, papierbasierte Buch versus E-Book – und mittendrin sitzt der neue Unfehlbare, der Literaturkritiker Denis Scheck und checkt die Bücher ins Scheckranking. Druckfrisch oder Nicht-Druckfrisch, das ist hier die Frage. Und das Publikum der Scheck-Missionen in ARD und SWR3 ist ja so dankbar, Orientierungen mit auf den Messeleseweg gegeben zu bekommen. 90.0000 Bücher erscheinen in Deutschland pro Jahr, querbeet.

 

 

Jetzt hier in Leipzig auf den Bücherstapeln, in den Bücherregalen, in den

Verleger- und Besucherhänden rund 20.000 Neuerscheinungen. Wer will/ kann/ soll/ darf da noch durchsehen, geschweige denn DIE Lesebeute seiner knappen Freizeit entern? Und wo ist bei der Masse, die das Boomen einer Branche suggeriert, die Krise der Branche versteckt? Nämlich die, die sich vor allem zwischen Gutenbergdruckbuch und Amazon-E-Book abspielen soll? Wo sieht man in Leipzig, wie intensiv das Internet weiter an der Existenz des traditionellen Buchhandels nagt? Es bleibt hier zunächst unsichtbar. Nur noch 50 % aller offerierten analogen Buchinhalte zwischen zwei Pappdeckeln gehen über die Buchhandelsladentisch. Die andere Hälfte wird, Tendenz steigend, im Internet geordert.

 

Die Liebe zum „Fokus “ hat auch die Leipziger Büchermessehallen ergriffen. Allenthalben wird fokussiert: Auf das „Schulbuch des Jahres etwa, oder den „Leipziger Lesekompass“, der Kindern die Richtung aus dem verwirrend unüberschaubaren Sortiment gute, lesbare, lebenstüchtig, nachdenklich oder sensibel machende Bücher empfehlen soll. Auch hier: nicht ein Anflug von Krise! Es ist ein bisschen , wie das Pfeifen im Buchwald.

 

Erkennbar Mangaitis! Ausgenommen sind jene vom Krisenanflug, die in friedlich kostümierter Anbetung von Comics, besonders Mangas, vollendet verkleidet durch die Hallen springen und singen – junge Leute, ganze Schulklassen (wo sind die Lehrer?). Sie haben Spaß an der Freud und sind insofern für die betreffenden Verlage, die mindestens eine halbe Messehalle, wie in der Geisterbahn gestaltet haben, ein Grund, sich einen krisenfreien Teufelsschluck in den Mystery- und Fantasybecher zu gießen: Darin Vampire, Trolle, Elfen, blutunterlaufende Augen, Geifer, rasierklingenscharfe Schwerter., Mondlicht, Morde, Werwölfe, schauerliches Geheul... Der Lesertrunk aber ist nicht leichtfertig abzutun. Mit rund 8 % ist „Fantasy“ am jährlichen deutschen Geamtbuchumsatz beteiligt. In Zahlen noch beeindruckender– das sind 9,734 Milliarden Euro (lt. Börsenverein des Buchhandels). Da es auch vielgepriesene Horrorbuchprojekte gibt, soll diesem Branchenteil des Buchmarktes nicht nur Schmäh zugefügt werden. „Hiobs Spiel“ ist einer dieser Romane, er ist von Tobias O. Meißner aus Berlin-Neukölln. Es ist dort, wie in einer anderen Welt, betritt man sie fast übergangslos aus Richtung der businesssmart gekleideten Verlagsintelektuellen.

 

Hinter den Kulissen der Mangagesellschaft, der Diogenes-Schwärmer oder der standhaften Blumenbar-Verlagsfans spielen sich aber trotz der kurzzeitig krisenbereinigten Messeluft, weiter die Marketingschlachten innerhalb der wackligen Verlagsexistenzen, zwischen den Davids und Goliaths er schöngeistigen oder Fachbuchbranche ab. Das Suhrkamp-Drama findet ebenso seine Fortsetzung. Die buchbewerte Ellenbogenverlegergesellschaft lässt grüßen. Aus der Schweiz klingt das Hohelied der Abschaffung der Buchpreisbindung ins deutsche kulturbeflissene Ländle. Und die Onlineriesen im Internet reiben sich weiter die Hände! Von alledem soll der kostbare Echtzeitleser eines analogen oder digitalen Romans bitte weitgehend verschont bleiben. Er ist folglich auch nicht in seiner Messewandel-Erbauung zu erschüttern, das er in einem buchflankierten Kulturland voller für ihn interessanter belletristischer Autorinnen/ Autoren lebt, die ihn in Tiefen blicken lassen und auf Höhen führen, die er ansonsten nie allein erklimmen würde. Text©2012byleonwschoenau


K 2


Spanischer Flamenco-Jazz/ Gruppe Las Migas/ Acustic Music & Jazz Club b-flat/ Instituto Cervantes/ „Sketches of Spain“ Nr. 6

 

23.02.2012

BERLIN

Las Migas im b-flat –

Spanische Krümel versprühen Lyrik mit Flamencojazz

 

Für spanische Musiker, die Berlin auf Jazz- und Improvisationsbasis erobern wollen, bietet sich das „b-flat“ wunderbar an. Warum? Sie könnten, falls sie sich damit identifizieren, auf ihre Nationalhymne “Marcha Real“ zurückgreifen und von den in B-Dur verfassten Klängen auf eine gute Basis fürs „b-flat“ spekulieren. Bei den „Krümeln“ aus Barcelona hats schon mal am 23. Februar geklappt. Im Rahme seiner reihe

 

Ab jetzt soll aber das im Deutschen aber etwas despektierliche „Krümel“ aufgelöst und ins originalsprachige „La Migas“ geführt werden: Musikalisch fantastisch emanzipierte 4 „migas“ bringen zusammen, was früher so zumal unter Jazzverwandten nicht zusammengehörte: Cante, als tief aus dem inneren aufsteigender Flamenco-Gesang (für deutsche Ohren oftmals fälschlich als „tragischst“ empfunden, obwohl im Spanischen tiefempfundene Lyrik des Glücks und der Freude wie langgezogene Klagelaute in Moll klingen. Toque ist als das flamencotypische Instumentalspiel bei „Las Migas“ auch der rote Faden, der nie, auch fast beim Versiegen der palmas (von palma, Handfläche) , aufgegeben wird. Zu spüren an der Fähigkeit des differenzierten lauten, halblauten, leisen, halbleisen Händeklatschens dazu. Schöne metrische Grundmuster des Flamencos (compás) durchzogen viele Lieder, die die Vier an diesem Abend präsentierten. Die arabischen Wurzeln des in Andalusien geborenen Flamenco sind auch an diesem Abend jazzfundiert vorhanden: auf einer Silbe wird eine ganze Tonfolge oder Melodie gesungen (was die Texte selbst für Spanier noch unverständlicher macht, aber nicht schadet...). Aber auch „Stücke aus dem Schmelztiegel“ mit Zigeunerwurzeln, mediterranen Weiten, aus Lateinamerika lassen aufhorchen. Die katalanische Flamencosängerin Alba Camona glänzte hier mit Ausdruck und Stimme, die samt Körperbewegung und späteren Tanzeinlagen alles mitriss. Cantes grandes wechselte bei ihr ab mit cantes chicos, also Lieder, von groß und ernst, zu klein und fein – und unterhaltsam.

 

Die Migas sind ein Frauenquartett mit sehr eigenem Stil, neuen Stimmlagen, teils voller einnehmender Empfindsamkeit, teils voll rasanten Furiosos. Die Kontraste machens, weil sie sowohl in als auch zwischen den einzelnen dargebotenen Stücken unmittelbar aufeinander folgen. Wer gehört dazu? Alba Carmona, schon erwähnt. Lisa Bause, assimilierte Barcelonesa, in Berlin geboren (hörte man!), spielte eine kräftige, suggestive Geige (gelegentlich auch Akkordeon) und bringt das Zupfen ihres Instruments geschickt die Flamenco. Marta Robles spielt die erste Flamenco-Gitarre, sie stammt aus der Flamenco-Heimat Sevilla. Dazu dann noch der französische Gitarrenpart von Isabelle Laudenbach. „Reinas del Matute“ , Titellied des gleichnamigen Albums (s.u.), steigt mit abwechslungsreichen Kontrasten, Gesang, Gitarren und Palmas-Arbeit in die Welt des Flamenco ein.

 

„Perdoname Luna“ ist als weit ausschwingendes harmonisches, romantisches Lyrik-Stück mit großer Textwirkung, mit eindringlichem Gesang und instrumentellen grazilen Zwischeneinlagen, das durch seine abstuften rhythmischen Endungen gefällt. (Kleines Textbeispiel: „Enviste la luna como enviste el toro la luna menguante carente de amante, carente de todo. Que sabe la luna, cuando soy sincero? Si una vez te quice, o si aun te quiero? Que sabe la luna como yo me siento, si hazta la armadura se me ha puesto oscura de llorar por dentro. Dudo que la luna pueda saber cuales son mis dudas, si ni yo las se!...“. In „Tango de Repompa“ vollzieht sich die Vermischung zwischen Tango und Flamenco mit furiosen Wendungen. Die gesangsstimme führt kräftig und faszinierend durch die aufgebauten musikalischen Räume. „Fuera del Mar“ gefiel durch die Chorusse, die sehnsüchtige schmelzende Geige und durch die wirklich sagenhaften schnellen Parts im Flamencostil dazwischen.

 

2011 brachten „Las Migas“ (seit 2004 bestehend) ihr Album „Reinas del Matute“ („Die Schmuglerkönigin“) auf den Musikmarkt. Unter dem ziemlich bekannten Label „Nuevos Medios“ taten sie das und vor allem mit dem gefeierten Indie-Pop-Producer Raúl Fernández Refree. Und ein weiteres neue Album, das unter dem wiederum prominenten Produzenten Raúl Rodríguez, selbst Musiker, Antrhoplogie und einer, der das kubanische Saiteninstrument „Tres“ in den Flamenco einführte? Ich erfuhr es an diesem Abend (noch) nicht. Dennoch nehme ich einen schönen Erklärungsansatz einer früheren Bandmitgliedes, Sílvia Pérez Cruz, aus dem Pressematerial mit nach Hause: „Wir sind die Krümel von dem Brot, welches der Flamenco ist.“ Migas heißt auch ein in ganz Spanien verbreitetes Gericht, ursprünglich ein Armeleuteessen, das je nach Region ziemlich deftig ausfallen kann... (Text/Fotos©2012byleonwschoenau)


DIESE KOLUMNNEN STARTETEN MIT DER "KOLUMNE NR 1". SIE IST LEIDER NICHT MEHR IM ANGEBOT ENTHALTEN. León