CTD ARCHIV3 KDW KOLUMNE DER WOCHE


posted on 13.01.2012

BERLN X-BERG

Wohnen wie im Schaufenster

Wohnen ist inzwischen in Berlin auch Glückssache geworden. Nicht so sehr für den begüterten Berlin-Fan aus Schwaben. Mehr für den Nichtinhaber eines tarifvertraglich fixierten Monatslohnes. Und auch für den gemütlichkeitsorientierten Studieneinsteiger mit Befög-Verpflichtung in der großen Bildungsmetropole ist Selbstüberwindung angesagt, wenn beim Möblieren Herz auf Schnauze trifft.

 

Kreuzberg oder besser X-Berg bietet für die Möblierungssehnsüchte die großen und kleinen Fensterscheiben zu Betrachten und Platz davor zum Testen: Du darfst! Umrunde den Tisch auf dem Fussweg, setz dich in den Lehnstuhl quer zur Straße und versuche unter kritischen Passantenaugen zu in dich versunken zu lehnen, greife zum porzellanen Blumentopf mit Schnörkelgriff und wiege ihn im Vorgriff auf die dir von Oma vererbte Grünpflanze bedächtig...

 

Alles wird wohnlicher in deinem Herz, schlenderst du über X-bergs Trottoirs. Schön vor allem, wenn sogar „die Garnituren“ draußen oder drinnen in der Vertikale in die Höhe wachsen ohne mit den berühmten Schalengewächsen in Lampenform zusammen zu stoßen. Alles ist optimal verschachtelt und blickkonzentriert designt.

 

Suchst du den Verkäufer außerhalb der nasskalten Frühlingswindstöße dieses Winters so entere die gute Stube hinter dem Schaufenster und suche ihn. Du wirst ihn finden eingewickelt in einer Decke und wohlig dösend in einem Fauteuil, der deiner Preiswertwohnung garantiert ein Glanzlicht ausfetzen würde. Greif zu - aber wecke ihn nicht zu rabiat. In X-Berg geht´s gepolsterter zu als du ahnst.

 

Text©2012byleonwschoenau

 


Posted on1 rst of January 2012

NIEDERLANDE

Fenster, vorne, ohne

Photo©by LeonWSchoenau
Photo©by LeonWSchoenau

„Oben ohne“ ist allen geläufig, währenddessen unten... na lassen wir’s mal... Jedoch „vorne ohne“ ist schon mal einen aktuelle Replik wert, zumal ich gerade durchs Land der Calvinisten fahre, was die Niederlande geschichtlich noch heute sein können/ könnten/ müssten ...? Die Frage steht. Und sie steht möglicherweise in engerem Zusammenhang mit der gardinenfreien Front der Wohnhäuser, speziell der großen schaufensterartigen Verglasung der anständig dekorierten und penibel aufgeräumten holländischen Einfamilienhaus-Wohnstubenfenster. Jedenfalls der ebenerdigen... Wohnblocks lassen wir hier einfach mal außen vor.

 

 

Wer nichts zu verbergen hat, zeigt es. Und wer etwas zu zeigen hat, verbirgt es nicht. Hier nickt der gesunde Menschenverstand sowohl der Niederländer wie der Deutschen. Dennoch sind wir Deutschen die deutschen Gardinen gewohnt, gleich in welcher Drapierung. Ob wir etwas zu verbergen haben oder nicht. In Holland, wie gesagt, nix davon. Eine Einschränkung allerdings: Das gilt im Wesentlichen tagsüber.

 

 

 

Denn abends und nachts will man sich auch in NL weder zeigen, sondern sich lieber überwiegend unbeobachtet dem Feierabend hingeben. Soweit erneut: menschlich normal. Aber auch hier wieder die Fensterfreigeister, die abends eben nicht die Jalousien, Gardinen, Rollläden schließen , sondern die vorbeiziehende Welt offen und freizügig an ihren Abendgewohnheiten, vom Fernsehen bis zum Essen, von Babys windeln bis Frauen küssen teilhaben lassen. Was aber heißt das alles, wie kann man es erklären, die niederländischen Wohnzimmertransparenz? Meine diesbezüglichen Fragen ins/ans Volk förderten überraschen Abweichendes zutage. Ich stelle zwei Argumentationen fest. Beide Argumentationen aber griffen auf die Geschichte zurück.

 

 

 

Die holländische Haus- und Fenstersteuer solls gewesen sein? Die einen führten entweder frühere Fenster- oder gar Gardinensteuer an, die je nach Herrscher, Zeit und Provinz verschiedenen gewirkt haben solle. Zum Beispiel tauchte bei der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden immer noch üblichen „Personalsteuer“ der Wert des bewohnten Hauses und die Zahl der Fenster kostenträchtig auf. Konsequenzen: 1. Weniger Fenster. 2. Weniger Steuer. 3. Wenn nun schon, dann nur noch ein Fenster, und das dann aber richtig: groß, weit, durchsichtig – also gardinenfrei. Die Legende von der „Gardinensteuer“, die Gardinen an holländischen Stubenfenstern verhindert hätte, allerdings, erwies sich geschichtlich als nicht relevant.

 

 

 

Wohnen an der Straße heißt wohnen mit der Straße. Bei dieser Aussage kommt ein Kern der niederländische Wohn-und Lebensphilosophie zu wohl noch etwas nachvollziehbarer zum Vorschein: Offenheit. Man teilt sein Leben eben gern mit dem der Mitmenschen. Und hier wäre dann auch Johann Calvin, dort besser bekannt als Calvijn, nicht mehr so weit als Erklärungshelfer. Für ihn als Reformator „der zweiten Generation“ (nach Luther, ist gemeint) folgt aus der von Gott geschenkten Erlösung eine entsprechende Lebensweise. Dazu zählen auf alle Fälle: Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Disziplin. Calvijn betonte auch sehr den Verzicht auf Vergnügungen und Luxus. Anders gesagt, und auf oder in die offenen Wohnstubenfenster geschaut: Wohnzimmer zeigen Reste des bewusst oder unbewusst noch vorhandenen calvinistischen Fühlens und Denkens: Jeder kann mein diszipliniert aufgeräumtes, keinen Luxus zeigendes, also „ehrliches“ Wohnzimmer sehen. Ja, jeder sollte es sehen. Wer ein rechtschaffendes Leben führt, ohne Luxus, ohne Protz, hat eben nichts zu verbergen.

 

 

 

Calvijn im holländischen Wohnzimmer mit Flachbildfernseher und beleuchtetem Aquarium? Die wenigsten Holländer bezeichnen sich heute als Calvinisten. Immerhin gibt es im Land noch wirkliche Calvjnverehrer, die man „Polderfundamentalisten“ nennt (und die auch danach real leben!). Aber, abgesehen von dieser kleinen strenggläubigen Gruppe, hat die geschichtliche „Fußspur “ Calvins immer noch einiges im Denken und Fühlen der Holländer auch heute bewirkt: Die niederländische Loyalität, vor allem gegenüber dem Staat, und der manchmal sehr aktivistisch wirkende Ehrgeiz der Holländer zur Verbesserung der Welt. Offenheit (angesichts des allgemeinen Cocoonings in Westeuropa), zur Schau gestellte Bescheidenheit (angesichts der allgemeinen Luxusprahlerei), verbunden mit dem Aufzeigen solider, auch geschichtlicher Werte. Auch das „schaut“ aus den Wohnzimmern ungehindert auf die Straßen. „Der niederländische Zeigefinger“, mit „seht her, wie ein kleines Land Größe zeigen kann“ ist nach meinem Gefühl durchaus mit im Spiel. „Vorne ohne“ ist also keine kopflose Benimmregel der fälschlich als Spießbürger verschrienen Calvinistennachfolger in Holland, sondern eine durchaus zeitgemäße Geste in einer westlichen Welt, die ständig nach Transparenz ruft, sich dabei aber auch nicht zu enthüllen wagt. Das holländische Fenster, gardinenfrei und damit emanzipiert – ein zeitgeschichtlicher Beitrag zum Nachdenken...

 

 

 

Text©2012byleonwschoenau

 


posted on 31.12.2011

 

Silvester/ Spanische Traditionen/ 12 Trauben/ Rote Unterwäsche

 

 

Endlich mal was Neues!

 

Wir feiern ins neue Jahr auf Spanisch hinein...

 

 

 

„Bueno, un año más que se acaba.“ Gut, wieder ein Jahr, das zu Ende geht, seufzen, stöhnen, jammern wir. Denn wenn überhaupt etwas besser werden kann in diesem kurzen Leben, dann ist es nur das neue Jahr. Wenige Stunden entfernt, wie schön, so weit weg und zum Greifen nah. An der Kippe, auf der Wippe zu diesjährigen Silvester werden wir es typisch Spanisch „machen“, eben mit 12 Weintrauben (uvas de suerte). 2012 + 12 Trauben, symbolischer geht es nicht!

 

Ob sinnvolles Brauchtum unserer spanischen Brüder und Schwestern oder Fortsetzung der bekannten menschlichen Sentimentalität oder des Konsumterrors mit anderen Mitteln – darüber machen wir uns in den letzten verbleibenden Sekunden des alten Jahres dieses Mal überhaupt keine Gedanken. Wir sind schon mal gut im zugeböllerten Berlin dieser Jahreswendezeit, wenn wir noch einigermaßen klare Akustik genug haben, um einen nahen Kirchturm mit seinen 12 Glockenschlägen zu empfangen oder der maßvolle Glockenklang in einem öffentlich-rechtlichen Sender störungsfrei in die festliche Wohnstube übertragen wird (wer seinem spanischen Aficionadotum richtig folgt, geht sowieso aus dem Haus heraus, auf Straßen oder Plätze und sucht – ordentlich vor-verabredet­ allerdings – Gleichgesinnte). Leider haben wir hier keine Puerta del Sol, wie in Madrid...

 

 

 

Wer das Traubenbrauchtum a la manera de la España noch nicht kennt, es geht so: Gute gestaltete Weintrauben werden, möglichst einzeln (Fauxpas: bitte nicht aus der 12-Trauben-Konservendose von SPAR!) oder pflückbereit von der Traube bereit gelegt, um im Rhythmus der 12 Glockenschläge entspannt, genau mit zählend, aber immer noch zügig genug in den Mund geschoben und genossen zu werden, noch ohne Sekt, versteht sich. Rote Trauben scheiden beim spanischen Traubensilvester aus, weil sie einfach nicht zum Cava oder Champán passen. Nehmen Sie also die Weißen (auch wenn der Preis dafür kurz vor dem 31.12. überraschend anstieg... ).

 

 

Schön ist es allerdings erst, wenn die glückbringende Aktion nicht einzeln, sondern einzeln UND kollektiv vonstatten geht. Ein bisschen „chutear“ (lutschen) muss man schon können, gekonnt den Traubensaft für sich behalten und die Kehle hinunter rieseln lassen. Ab dem ersten Traubenknacken ist angesagt, pro Traube etwas sehr Schönes und Wünschbares im neuen Jahr zu denken, ebenso, wie den Mittraubenlutschenden fröhlich zulächeln, aufmunternd „na, wirkt es schon?“ zu brabbeln, erste vorfreudige Traubensaftküsse einzusammeln oder sich diese forsch zu rauben, sich nicht zu verzählen und besonders den 12. Glockenschlag mit der letzten Traube mundgerecht zu treffen. Das persönliche Multitasking ist im in der alten Nacht (noche vieja) des alten Jahres (año viejo) nochmals, letztmalig, schwer herausgefordert. Wichtig ist es, alle Trauben bis zum 12. Glockenton zu schaffen. Sonst, na Sie wissen schon...

 

 

 

Wer schon immer bereits mit ungetimten Traubenessen so seine Problemchen hatte, sollte die uvas präparieren und vorab enthäuten. Ich habe bisher noch nichts Nachteiliges darüber gehört, sich zu Silvester „nackte“ Weintrauben einzuverleiben. In den o.g. Konservendosen gibt es diese variante perfekt geschält. Und hier fällt mir siedend heiß eine weitere nicht zu unterlassende Regel des spanischtypischen Jahresbeginns ein: Rote Unterwäsche, männlich rustikal oder weiblich in Dessousqualitäten, sollte unter (!) dem Festanzug oder Festkleid nicht fehlen. Nur so ist amor bereit, Ihnen weiterhin treu zu bleiben oder Sie überraschend zu beglücken. Text©byleonwschoenau